Die Nachricht ist zwar 100 Jahre alt, hat aber an ihrer Wirkung nichts verloren. Im Mai 1909 kam es zu einer großen Explosion in der Sprengstofffabrik der Firma A. & W. Allendorff in Schönebeck. Bis nach Calbe war die Detonation spürbar.

Schönebeck. Nicht nur das Salz und die Saline haben die Stadt Schönebeck in der Welt bekannt gemacht. Denn wer von Schönebeck spricht, der kommt auch nach kurzer Zeit zum Thema Sprengstoff und Patronen, denn dafür ist unsere Stadt an der Elbe bis in die heutige Zeit ebenfalls bekannt. Wer mit gefährlichen chemischen Stoffen hantiert, dem ist auch bewusst, dass ein winziger Augenblick Unachtsamkeit oder ein kleiner Fehler gerade beim Umgang mit Explosivstoffen einen Gefahrenmoment auslösen kann, welcher schweren Schaden für Leib und Leben und Zerstörungen an Produktionsstätten und Gebäuden anrichtet.

Genau vor 100 Jahren, am 5. Mai 1909 gegen 13. 55 Uhr kam es in der Sprengstofffirma der Familie Allendorff zu einem Explosionsunglück. Die Unglücksstelle lag etwa 1000 Meter hinter der ehemaligen Kaiserbrauerei und dem Allendorffschen Ziegeleigrundstück, also dort, wo sich auch heute noch das Gelände des ehemaligen VEB Sprengstoffwerk Schönebeck befindet. Die Explosion war so stark, dass sämtliche Fensterscheiben im weiten Umkreis zersprangen und der Lärm der Detonation noch in Calbe ( Saale ) hörbar war. Mehrere Gebäude am Produktionsstandort wurden sofort dem Erdboden gleichgemacht.

Das Unglück, welches beim Mischen von Grundelementen zur Herstellung von Sprengstoff geschah, forderte damals in den ersten Sekunden fünf Tote und zahlreiche Verletzte. Im Mischungsraum war vermutlich durch einen Fremdkörper oder durch Fremdverschulden eine Explosion in einer Zentrifuge entstanden, deren zerbrochenen Teile später mehrere 100 Meter weit draußen im freien Gelände gefunden wurden.

Der Ort der Explosion wurde umgangssprachlich von den Arbeitern als " Tribude " bezeichnet, weil in diesem Gebäude auch der zur Füllung von Granaten Verwendung findende Sprengstoff Trinitrotoluol mittels Alkohol umkristallisiert wurde. Ein nach der Detonation entstandenes Feuer wurde durch einen starken Nordwestwind weiter entfacht und die Flammen griffen nun auch noch auf den in der Nähe liegenden Alkoholraum, auf die Umkristallisierungsanlage und das Laboratorium über.

Eine Viertelstunde nach der ersten Explosion f og deshalb auch noch ein großer Spirituskessel in die Luft, wobei eine weit sichtbare große und gewaltige Feuersäule aufforderte. Es war deshalb für Freiwillige Feuerwehr und andere Retter mehr als schwierig, am Ereignisort zu arbeiten, denn es bestand ein großes Gefahrenpotential am Ort der Explosion für alle sich dort befindlichen Personen.

Die Feuerwehr, die sich zunächst erst einmal auf das Ablöschen konzentrieren musste, leitete in einer über 900 Meter langen Schlauchleitung das Wasser aus dem städtischen Wassernetz in sogenannte Abprotzspritzen und drückte es dann weiter bis zur Brandstelle. Die Gewalt der Sprengstoffdetonation war riesig, denn noch rund 300 Meter vom Zentrum der Unglückstelle, hatten sich eiserne Träger und Deckenteile bis 1 Meter tief in das Erdreich gebohrt.

Nach Beendigung der Löscharbeiten am frühen Abend wurden dann durch die Feuerwehr und Betriebsangehörige, die sich freiwillig zur Verfügung gestellt hatten, fünf tote Personen aus dem Trümmerfeld geborgen. Unter den Toten waren der Meister Meis, sowie ein siebenfacher Familienvater aus Felgeleben und tragischerweise auch ein verheirateter Monteur namens Diecke aus Magdeburg, der an diesem Tag erstmalig den Betrieb betreten hatte, um hier Montagearbeiten durchzuführen. Nach Abschluss der Rettungs-und Bergungsarbeiten besuchte am 7. Mai 1909 unter der Führung des Bürgermeisters Schimmelmann aus Groß Salze, der als Ortspolizeibehörde von Anbeginn am Ereignisort gewesen war, der Regierungspräsident von Magdeburg Dr. von Borries die Unglücksstätte.

Ein verunglückter Arbeiter der Firma Allendorff verstarb wenige Tage im Krankenhaus, so dass sich die Gesamtzahl der bei dem Unglück ums Leben gekommenen Personen auf sechs erhöhte. Die hiesige Feuerwehr erhielt für ihre hervorragende Arbeit an der Unglücksstelle durch die Firma Allendorff eine Geldgabe in Höhe von 50 Mark als Anerkennung, was zur damaligen Zeit ein schönes Stück Geld war.

Die Ursache für dieses verheerende Unglück konnte nie geklärt werden und Schönebeck als Stadt war im In- und Ausland in allen Zeitungen zu finden.

Jürgen A. Schulz war langjähriger Mitarbeiter im Stadtarchiv Schönebeck und schreibt nun für die Volksstimme über historische Ereignisse.