Besonders die Arbeit engagierter Menschen wurden bei einer Feierstunde gewürdigt, die die Stiftung Staßfurter Waisenhaus am Sonnabend der Einweihung ihres Mutterhauses vor genau 100 Jahren widmete.

Staßfurt. Die Einrichtung, ursprünglich für Waisenkinder der einstigen Bergarbeiterstadt gegründet, habe in ihrer Geschichte mehr schlechte Zeiten erlebt, als gute, sagte Geschäftsführer Axel Eckert. Die letzten 20 Jahre zähle er zu den guten. Vor zwei Jahren war das 100-jährige Bestehen der Stiftung bereits umfangreich gefeiert und beschrieben worden. Vorstandsmitglied Bettina Knigge-Kallweit erinnerte am Sonnabend in ihrem geschichtlichen Überblick noch einmal daran, dass es immer dem Engagement von Menschen wie Pfarrer Otto Lüdecke und Dr. Otto Geiss als Stiftungsmitbegründer oder der Diakonisse Liesbeth Heymann zu verdanken war, dass der Grundgedanke weiter verfolgt wurde, nämlich hilfebedürftigen Mitmenschen ein Zuhause zu geben, ihnen ein würdiges Leben zu ermöglichen und sie zu fördern. Das war im Nationalsozialismus und auch nach 1949 viele Jahrzehnte nicht der Fall, als politische Ziele im Vordergrund standen.

Lange Zeit litten die Bewohner an der Überbelegung des Hauses. Für 40 Plätze konzipiert, waren nach dem 1. Weltkrieg 65 Kinder untergebracht, nach 1949 teilweise 70. Als Christine Heidenreich 1991 hier in der Schlachthofstraße anfing, konnte die pädagogische Mitarbeiterin noch die Schlafsäle mit über zehn Betten erleben, pro Etage gab es ein Bad und fünf Waschbecken. Mit dem Umzug in neue Häuser der Wohnanlage, deren Bau Dank des Diakonischen Werks noch wenige Monate vor dem Ende der DDR angeschoben wurde, entspannte sich die Situation. Heute leben 17 geistig oder mehrfach behinderte Männer und Frauen in dem Mutterhaus ( 80 in der gesamten Anlage ). Das Haus verfügt über Ein- und Zwei-Bett-Zimmer, zwei großzügige Förder- und Aufenthaltsräume samt Küchen. Auch ein Wohlfühlbad und eine Wäscherei finden in dem mit Fahrstuhl versehenen Gebäude Platz.

In seinem Grußwort sagte der ehemalige Lebenshilfe-Geschäftsführer Dieter Labudde : " Wir werden künftig stellenweise enger zusammenrücken müssen, um unsere Menschen weiter niveauvoll betreuen zu können. " Als einen großen Erfolg bezeichnete Labudde, dass Deutschland jetzt die UN-Konvention für Menschenrechte Behinderter ratifiziert habe. " Bislang hat es das in Deutschland noch gegeben – nicht in Staßfurt – dass Behinderte des Lokals verwiesen wurden, weil sich andere Gäste an ihnen störten. "

" Umworben, geliebt und versorgt zu sein, ist auch der Wunsch von Menschen mit Behinderung ", unterstrich die Leiterin der Wohnanlage Gabi Westendorf bei der Feierstunde. Sie betrachte Behinderte nicht als zu therapierende oder zu erziehende Menschen, sondern sie sollten sich selbst verwirklichen können. Und dafür dankte sie allen hier Beschäftigten für ihre Mitarbeit.