Kürzlich wurden die Schulzeugnisse ausgereicht. Bei Psychologen herrscht in dieser Zeit rege Nachfrage, wenn schlechte Noten bei einigen Schülern und Eltern für Frust und Enttäuschung sorgen. Volksstimme-Redakteur René de Ridder sprach mit Schulpsychologin Marion Sporleder.

Volksstimme : Warum ist der Tag der Zeugnisübergabe so problematisch ?

Marion Sporleder : Mit dem Zeugnis werden Leistungsschwächen schwarz auf weiß dokumentiert. Manche Eltern fallen dann " aus allen Wolken ", obwohl die Schule lange vorher über bestehende Leistungsprobleme informiert hat. Auch für Schüler kein einfacher Tag, wenn feststeht, dass sich bestimmte Erwartungen nicht erfüllt haben oder ein Schuljahr wiederholt werden muss. Hier können Konflikte entstehen.

Volksstimme : Was raten Sie Eltern und Schülern in solchen Situationen ?

Sporleder : Wenn an einem Schüler Zweifel nagen, ist es wichtig, sich der eigenen Stärken bewusst zu werden, das Selbstwertgefühl zu stärken. Wenn ein Schuljahr wiederholt werden muss, ist dies auch immer eine Chance, einen neuen positiven Anfang zu finden. Einer, der realistisch dem Leistungsvermögen eines Schülers entspricht. Jedoch geschieht dies nicht im Selbstlauf. Jeder Schüler muss aktiv etwas dafür tun.

Volksstimme : Könnte es sein, dass man zu früheren Zeiten gelassener mit schlechten Schulleistungen umgegangen ist ?

Sporleder : Der Umgang mit schlechten Zeugnissen bzw. dem " Sitzenbleiben " war noch nie einfach. Groß ist die Enttäuschung auf Elternseite allerdings dann, wenn Wünsche an das eigene Leben bzw. unerfüllte Karrierewege auf das eigene Kind projiziert werden. Die schwierige wirtschaftliche Lage kann dazu beitragen, dass Eltern sich Sorgen um die beruflichen Zukunft des Nachwuchses machen. Da kann ziemlicher Druck auf ein Kind entstehen. Hier haben Eltern eine wichtige Funktion als Begleiter und Berater.

Volksstimme : Jetzt sind erst einmal Ferien. Sollten Kinder und Eltern die schulfreie Zeit nutzen, um über mögliche Gründe eines Schulversagens nachzugrübeln ?

Sporleder : Grübeln nicht, aber in erforderlichem Umfang über Veränderungen gemeinsam mit den Eltern nachdenken. Ferien sind wichtig, weil Kinder Urlaub von der Schule brauchen, um Stress abzubauen. Um dann positiv gestimmt ins neue Schuljahr starten.