Hohenerxleben. Das Sprechen über die Liebe ist so, als würde ein bis zum Bauch im Schlamm steckender Esel versuchen, sich elegant zu bewegen. Dieses Zitat stellte der Schauspieler vom Ensemble Theatrum, Vahid Shahidifar, einem musikalischen Theaterabend voraus, der am Sonnabend auf Schloss Hohenerxleben aufgeführt worden ist.

Das aus den Elementen Theater, Musik und Tanz gefügte Stück beschäftigt sich mit der Liebe. Es bedient sich dafür als Fundament einem biblischen Text : dem " Hohen Lied der Liebe ".

Die Liebe ist langmütig, die Liebe ist gütig, die Liebe ist nicht eifersüchtig. Sie prahlt nicht und überhebt sich nicht, so heißt es in der Bibel. Damit wäre schon das Wesentliche gesagt, doch da sich das Leben mit merkwürdiger Vorliebe um das Wesentliche herum bewegt, ergibt sich dann doch noch immer wieder Diskussionsbedarf.

Da die deutsche Sprache nur noch einen Begriff für Liebe hat ( nämlich : Liebe ; im Gegensatz zu früheren Zeiten, als zumindest noch die Worte Minne und Caritas im Sprachgebrauch waren ), sind Missverständnisse unausbleiblich. Liebe ist alles. Aber das Wort Liebe erklärt nicht alles. Es fällt schwer, über Liebe zu reden, weil sie ein Gefühl ist. Worte sind unzureichende Hilfsmittel, um Emotionen zu beschreiben. Allenfalls Lyrik vermag, die Essens eines Gefühles zu berühren. Wohl deshalb bedient sich das für seine einfühlsamen und emotional tiefgehenden Inszenierungen bekannte Ensemble Theatrum dem lyrischen biblischen Text.

Und das ist das Besondere an der Inszenierung : Das Publikum wird nicht aggitiert. Kein unaufhörlicher Wortschwall, keine dramatische Handlung, die ihren Höhepunkt sucht, keine zu netten Sätzen verflochtenen Definitionen, sondern das sachte Betrachten eines Flusses, der dahinfließt. Der Versuch der Liebe im Menschen bestimmt das Leben. Die Sehnsucht, das offensichtlich voneinander Getrennte, Mann und Frau, wieder zusammenzufügen ist größer, als die immer wiederkehrende Enttäuschung über das Scheitern des Versuches. In diesem Prozess ist alles enthalten : die Spannung, die Sehnsucht, das Erröten, das Zueinanderfinden, das Vertrauen, die Innigkeit, die Erschütterung, die Ratlosigkeit, das Verstummen, die Raserei und die Hoffnung auf ein Neues. Gefühle allesamt, darstellbar in Musik, Tanz und Theater. Mit Gefühl dargestellt von Friederike von Krosigk, Hubertus von Krosigk, Irina Lackmann ( Cembalo ) und Vahid Shadidifar ( Santur ).

Die Schauspieler und Musiker gehen mit ihrer Inszenierung auch in die Stille, in die Leere ( passend illustriert durch das von Nikoline F. Kruse geschaffene Bühnenbild ). Dieses Verlangsamen und Anhalten des sonst üblichen Alltags-Taktes widerspricht dem Zeitgeist, der unentwegt Unterhaltung und Zerstreuung einfordert. Das Verharren in einer Ratlosigkeit, das Aushalten der empfundenen Ödnis, das Schweigen, das nur langsam sich neu aufbauende Weiter sind Zumutungen. Sie werden in der Aufführung angedeutet. Das ist mutig. Das ist gut.

Ja, es ist möglich : europäisches Cembalo und persische Santur klingen traumhaft schön miteinander. Orient und Okzident ergänzen sich wunderbar. Die schwierigste Verbindung sind Mann und Frau. Und doch gelingt sie. Immer wieder. Und bleibend in der Liebe, die alles erträgt, die alles duldet.