Das Thema Alkoholmissbrauch ist seit geraumer Zeit in aller Munde. Zunehmend mehr Menschen verfallen der berauschenden Wirkung hochprozentiger Getränke. Diesen Trend verzeichnet auch die Suchtberatungsstelle der Arbeiterwohlfahrt. Im Jahresbericht der Facheinrichtung wird deutlich, dass immer mehr Menschen professionelle Hilfe benötigen, um aus dem Alkohol-Sumpf herauszukommen.

Schönebeck / Salzlandkreis. Es gibt etwas auf der Welt, das nahezu allen Völkern gemein zu sein scheint. Der Genuss von Ethylethanol, allgemein auch bekannt als Alkohol. Schon im dritten Jahrtausend vor Christus hinterließen die Sumerer eine Keilschrifttafel, auf der die Herstellung von Bier beschrieben wurde. Griechen und Römer tranken bevorzugt Wein, Chinesen brauten alkoholische Getränke auf der Grundlage von Reis und Germanen mochten die berauschende Wirkung von Met und Bier.

Ob als Getränk, Opfergabe oder als Rauschmittel, die Geschichte des Alkohols ist lang. Ebenso lang wie die Liste jener, die der Droge zum Opfer fielen. Bis zum heutigen Tage gehören alkoholische Getränke zu unserer Alltagskultur. Ein Gläschen Wein zum Abendbrot, ein Bier beim Fernsehen. Dabei ist der mäßige Genuss bedingt gesellschaftlich akzeptiert, nicht jedoch der unkontrollierte Konsum. Dies jedoch ist ein Grundlegendes Problem der Gesellschaft.

Alkoholmissbrauch ist ein Phänomen, das sich in alle Alters- und Bevölkerungsschichten schleicht. Die Alkoholsucht der Betroffenen hinterlässt dabei deutliche Spuren. Oftmals leidet die ganze Familie unter der Erkrankung und nicht selten auch die Arbeit. Wenn der gelegentliche Alkoholgenuss zur Alkoholsucht geworden ist, dann finden die Betroffenen in der Suchtberatungsstelle der Arbeiterwohlfahrt ( AWO ) Hilfe. Neben der Beratung für Suchtkranke und Suchtgefährdete gehört auch ambulant betreutes Wohnen und Suchtprävention zu den Aufgaben der regionalen Facheinrichtung.

Die Dunkelziffer ist weitaus höher

Über die Bedeutung der Suchtberatungsstelle berichten die Zahlen des vergangenen Jahres. So wendeten sich insgesamt 219 Personen an die Einrichtung, davon 168 Männer und 51 Frauen. Die Klientenzahl scheint auf den ersten Blick nicht sonderlich hoch, wenn man bedenkt, dass sie sich auf den gesamten Salzlandkreis bezieht. Doch der Schein trügt. " Eigentlich benötigen viel mehr Menschen unsere Hilfe ", erläutert Katrin Bock, Fachkraft für Suchtprävention. " Jedoch können wir aus personellen Gründen nicht mehr Betroffene betreuen ", erklärt sie. Das ist auch der Grund dafür, dass die Zahlen im Jahresbericht der AWO in den vergangenen Jahren annähernd gleich blieben. Die Dunkelziffer der Alkoholabhängigen schätzt die studierte Sozialpädagogin höher, als sich überhaupt erahnen lässt.

Auf eine Fachkraft der Suchtberatungsstelle kamen im vergangenen Jahr 55 272 Einwohner. " Der Versorgungsschüssel ist einfach nur erschreckend ", kommentiert Sibylle Barby die Zahlen. Die AWO- Geschäftsführerin kennt die Situation und damit den drastischen personellen Engpass. Dazu kommt, dass es neben der Hauptberatungsstelle in Schönebeck zwei Außenstellen in Barby und Calbe an der Saale gibt. Besetzt werden diese lediglich durch Katrin Bock und den Leiter der Suchtberatungsstelle, Bernd Müsing.

" Das ist ein kaum zu schaffendes Pensum ", findet Sibylle Barby. Dennoch wollen sie nicht klagen sondern anpacken. Viel zu groß sei der Bedarf, als dass man jetzt den Kopf in den Sand stecken könne. " Man muss eben im Voraus handeln ", weiß sie.

Aufklärung geschaffen werden, soll vor allem mit umfassenden Präventionsveranstaltungen. " Die, die ich heute präventiv erreiche, sind nicht die Klienten von morgen ", weiß Katrin Bock. Besondere Bedeutung misst sie hier den Schulen bei. Die Jugendlichen müssen lernen, dass Alkohol in ihrem Alter sehr schädlich ist. Sie müssen lernen, " Nein " zu sagen.

Anzeichen für ‚ eine Abhängigkeit

Und das gehe am Besten, wenn man sie auf die Folgen des Alkohol-Konsums hinweise. Leberschäden und Gedächtnisverlust bei dauerhaftem Konsum sind Beispiele hierfür. Auch die Aufklärung zum Thema Suchtverhalten ist von enormer Bedeutung. Die Frage, wann man eigentlich süchtig ist, wird Katrin Bock häuf g gestellt. Eine Patentformel hat sie an dieser Stelle nicht parat. Wer regelmäßig alkoholische Getränke zu sich nimmt, um mit Wut, Schmerzen oder Stress besser umzugehen, ist gefährdet. Und je öfter man trinkt, umso seltener gelingt damit die Kompensation der Probleme.

Kritisch ist es, wenn Probleme nicht mehr ohne Alkohol bewältigt werden können. " Entzugserscheinungen sind ein relativ eindeutiges Anzeichen für eine Abhängigkeit ", erklärt Katrin Bock. Diese können psychisch sein, zum Beispiel, wenn man ohne Alkohol aggressiv wird. Sie können aber auch physisch sein, zum Beispiel, wenn man Schweißausbrüche bekommt oder zu zittern beginnt. Dann ist es in der Regel schon zu spät. Es hilft nur noch ein Entzug. " Der muss nicht in jedem Fall stationär sein ", erklärt die Suchtberaterin, da dies häuf g einer der Gründe ist, warum Betroffene sich nicht an eine Beratungsstelle wenden. " Viele denken sie werden gleich eingewiesen ", weiß sie. Aber so ist es nicht. In Einzel- oder Gruppengesprächen wird individuell eine Lösung gefunden.

Rumkugeln und Pralinen sind tabu

Was die Wenigsten wissen : Nach einer Alkoholabhängigkeit muss man den Rest seines Lebens abstinent leben. Jeder Tropfen Alkohol kann zum Rückfall führen. Dabei ist es wichtig, vor allem auch auf die Nahrungsmittel zu achten. Rumkugeln und Likör-Pralinen sind somit tabu. " Das kann für den Betroffenen zu einem ganz schönen Spießrutenlauf werden ", weiß die Sozialpädagogin.

Um alledem möglichst aus dem Weg zu gehen, ist eine entsprechende Aufklärung von Nöten. Daher veranstaltet die Suchtberatungsstelle der Arbeiterwohlfahrt in Schönebeck am Mittwoch, dem 17. Juni, einen Tag der offenen Tür. In der Zeit von 9 bis 14 Uhr stehen die Mitarbeiter Rede und Antwort, geben Einblicke in ihre Erfahrungen und wollen mit Schülern und Erwachsenen ins Gespräch kommen. Außerdem wird der Autor Siegfried Naujek aus seinem Buch " Namenloser Tod ", in dem er das Leben, die Abhängigkeit und den Tod eines 17-jährigen Mädchens aus Köthen beschreibt, vorlesen. Die Lesungen finden um 9 und um 11 Uhr statt. Um eine vorherige Anmeldung wird unter der Telefon ( 03 92 8 ) 70 20 10 gebeten.