Schönebeck ( fm ). Zwei Jahrzehnte sind vergangen seit der politischen Wende von 1989 / 90. Mit Gebeten, Andachten und Kerzen begann die friedliche deutsche Revolution, in deren Folge die DDR sang- und klanglos verschwand und die beiden deutschen Staaten zu einem Staatsgebilde zusammenwuchsen. Ein Prozess, der noch andauert. Die Organisatoren der Schönebecker Veranstaltungsreihe " Treffpunkt " nahmen den bevorstehenden 20. Jahrestag der Wende zum Anlass, mit dem Psychoanalytiker Hans-Joachim Maaz einen Rückblick zu wagen.

In der gut besuchten St. Marienkirche in der Schönebecker Friedrichstraße sprach der Hallenser Professor zum vorgegebenen Thema " 20 Jahre danach – Erwartung, Enttäuschung, Hoffnung ". Maaz sprach von mehreren Phasen, die erste, die Phase der Projektion und Spaltung, habe bereits vor 1989 begonnen. Sie charakterisiere sich unter anderem durch die Wunsch-Vorstellungen vieler DDR-B ürger, im Westen sei alles besser. Mit der Wende sei Phase zwei eingetreten : geprägt von Glück, Euphorie und Aktivität. " Eine Phase, die uns, wenn ich es böse sage, abgekauft worden ist ", verwies der Psychiater ( Maaz ist seit einem Jahr im Ruhestand ) auf das letztendliche Misslingen einer Reformation der DDR.

Es folgte Phase vier : Ernüchterung und Enttäuschung. Die hohe Arbeitslosigkeit habe viele Menschen entwurzelt. Die Menschen in Ostdeutschland seien in den Status von Schülern versetzt worden. An sich nichts verwerfiches, aber : " Die psychosoziale Bedeutung von Veränderung wird nicht genügend gewürdigt ", sagte Maaz mit Blick auf die Lernleistung der Ostdeutschen in den vergangenen 20 Jahren.

Er stellte auch die unterschiedliche Sozialisation von West und Ost heraus und machte sie mitverantwortlich für die schwierige innere deutschdeutsche Vereinigung. Während sich im Osten mit den repressiven Vorgaben des Staates ein Untertanengeist entwickelt habe, seien Konkurrenzdruck und der Zwang zur Selbstdarstellung im Westen Ursachen für " Obertane ". Maaz : " Uns ist Demokratie verordnet worden. Es steht aber zu befürchten, dass viele keine innere Demokratie haben. "

Vor über 20 Jahren seien Menschen in die psychologische Therapie gekommen, weil sie sich eingeengt fühlten, weil sie ihrer Individualität nicht genügend Ausdruck geben konnten. Heute kämen Menschen in die Therapie, weil sie vor allen im Berufsleben ihre Ängste und Unsicherheiten verschleiern müssten. " Sie müssen eine Fassade für sich entwickeln und so tun, als hätten sie alles im Griff, ansonsten sinkt ihr Marktwert ", sagte der 66-J ährige.

Er erweiterte die Sicht über die Analyse der vergangenen 20 Jahre hinaus auf die derzeitige Finanz- und Wirtschaftskrise. Die Lebensform, die zu dieser Krise geführt hat, werde zu wenig kritisch betrachtet. " Es wird zu wenig nachgefragt, ob wir eine andere Lebensform brauchen ", meinte Maaz. Und weiter : " Wir brauchen eine innere seelische Demokratie. Bei allem Pessimismus liegt für mich die Hoffnung darin, dass mit der inneren Demokratisierung die äußere Demokratie verbessert werden kann. "

Zum Gespräch eingeladen waren auch die Pastoren Ulrich Lieb ( katholisch ) und Günter Schlegel ( evangelisch ). Beide waren neben dem verstorbenen Pfarrer Hans Gottschalk maßgeblich an den Friedensgebeten und Protesten in der Wendezeit beteiligt. Die Demokratie, sagte Günter Schlegel, sei so gut oder so schlecht " wie wir Menschen sind ". Sein katholischer Amtsbruder Lieb fügte hinzu : " Jetzt haben wir die Freiheit, für die wir damals gekämpft haben. Jetzt sollten wir sie sinnvoll füllen. "