Pretzien. Bei Henry Purcells Toccata in A-Dur ist die Welt in der Pretziener Sankt-Thomas-Kirche noch in Ordnung. Rüdiger Meussling, Pfarrer im Ruhestand, hat mit Regionalbischof und Propst Siegfried Kasparick aus Wittenberg den 35. Pretziener Musiksommer eröffnet und viele Bekannte begrüßt, darunter Gäste aus Kanada.

Das Publikum im vollbesetzten Kirchenraum hat die Hälfte eines exquisiten Konzerts gehört. Neben Werken des englischen Komponisten : Händel und Bach. Wie immer ausdrucksstark interpretiert von dem renommierten Leipziger Organisten Matthias Eisenberg, gemeinsam mit dem Dresdner Trompetenvirtuosen Joachim Schäfer und dessen Ensemble. Königliche Fanfaren, dazu kontrastreiche Orgelpassagen lassen das 17. und 18. Jahrhundert lebendig werden. Der Alltag erscheint fern.

Plötzlich ist es still. Eisenberg nimmt die Hände von den Tasten, setzt noch einmal an, es ist nichts zu hören. Dann ein Dauerton. Das 1992 vom Halberstädter Orgelbauer Reinhard Hüfken gebaute Instrument hängt. Das Konzert muss unterbrochen werden.

Rüdiger Meussling füllt die Zwangspause charmant mit Moderation, während Eisenberg mit ein paar Spezialisten fieberhaft versucht, die Orgel wieder einzurenken. Doch nach 20 Minuten stellt sich heraus : Der Fehler ist nicht so schnell zu beheben. Eine Feder ist gebrochen, ein Manual muss komplett ausgehängt werden. Entsprechend reduziert ist der Tonumfang der Orgel. Angesichts des vollen Hauses entscheiden sich die Musiker dafür weiterzuspielen. Kurz wird deutlich, wie angespannt auch die Nerven des Solisten Eisenbergs nach dem nicht geplanten Arbeitseinsatz sind.

Dann geht es mit Telemanns Concerto für drei Trompeten, Pauke, Orgel in D-Dur professionell weiter. Die Orgel kommt nur noch eingeschränkt zum Einsatz. Dafür glänzen die drei Piccolotrompeten mit fröhlichem, glasklaren Spiel. Die Aufregung legt sich, die Musik Telemanns und danach Auszüge aus Händels Wassermusik schaffen erneut einen Klangraum, der die Menschen bewegt. Beifall prasselt. Zwei Zugaben müssen die Musiker geben, bevor sie gehen dürfen.

" Dass die Orgel streikt, ist uns in 35 Jahren noch nicht passiert ", sagt Anna-Maria Meussling nach dem Konzert. Rüdiger Meussling ist noch fassungslos : Schließlich war der Orgelbauer wenige Tage zuvor vor Ort.

Das Ehepaar hat den Musiksommer 1974 ins Leben gerufen, um die damals noch unrenovierte Kirche zu wieder beleben. Die Meusslings entdeckten wunderschöne Wandmalereien. Der Musiksommer wird am 27. Juni fortgesetzt. Dann steht Nathan der Weise auf dem Plan.