Schönebeck. Sie hat Medizin studiert. Sie hat zu DDR-Zeiten in einem Wohnungsunternehmen als Revisor gearbeitet. Sie hat nach der Wende berufsbegleitend Abschlüsse als Immobilienfachwirtin und Bilanzbuchhalterin gemacht. Sie ist die Nachfolgerin der legendären SWB-Chefin Annemarie Stange. Sie setzt städtebauliche Akzente und gilt als Unternehmerin mit Herz. Für diese Tugend ist sie als " Salzlandfrau " im Bereich Wirtschaft ausgezeichnet worden. Die Rede ist von Sigrid Meyer.

Diese Frau fällt auf. Dabei ist sie ganz und gar nicht eitel. In einer Schar von vielen Leuten verweilt der Blick unweigerlich auf ihr. Dabei ist sie nicht einmal blond. Wer mit ihr spricht, fühlt sich kompromisslos angenommen. Keine Allüren. Keine Überheblichkeit. Sie ist ohne Schnörkel und hat trotzdem eine vornehme Art. Dabei trägt sie nur einen Allerweltsnamen. Meyer. Sigrid Meyer. Wenigstens mit Ypsilon.

Sie gehört zu jener Art von Menschen, die erreichen, was sie sich vornehmen, weil sie fest an ihr Ziel glauben. Seit 2001 leitet Sigrid Meyer das kommunale Unternehmen Städtische Wohnungsbau ( SWB ) GmbH Schönebeck. Die gebürtige Magdeburgerin kam vor zehn Jahren als Prokuristin in den Betrieb und bewarb sich nach dem Ausscheiden der langjährigen Geschäftsführerin Annemarie Stange um den Chefposten. Wie sich denken lässt, mit Erfolg. Den hat sie auch im mit zahlreichen Terminen vollgestopften Arbeitsalltag. In einem von demographischen Umbrüchen, von Abwanderung und relativ hoher Arbeitslosigkeit geprägten gesellschaftlichen Umfeld gelingt es der Mutter von zwei erwachsenen Söhnen, die SWB wirtschaftlich auf Kurs zu halten und außerdem noch städtebauliche Akzente zu setzen. Die Umwandlung des abbruchreifen Dümling-Stiftes in der Wilhelm-Hellge-Straße von einem ruinösen Gebäude in einen modernen SWB-Hauptsitz hat ihr zusätzlich die Sympathie der Schönebecker eingetragen. Es ist in der einstigen Kreisstadt verwaltungsseitig nicht gang und gäbe, alter Bausubstanz die ihr gebührende Achtung entgegen zu bringen. Sigrid Meyer freut sich über das Lob für ihr Engagement und ihr Fingerspitzengefühl, betont aber zugleich : " Wenn es wirtschaftlich nicht tragbar gewesen wäre, hätte ich die Sanierung nicht veranlasst. " Da spricht die Kauffrau aus ihr. Und das ist ja auch gut so.

Weit über die Region hinaus fnden die in Schönebeck realisierten Demenz-Wohngemeinschaften Beachtung. Überall in Deutschland hat Sigrid Meyer über diese Form des Wohnens bereits referieren müssen. Die Betroffenen leben weitgehend selbstbestimmt, erfahren dabei eine Rund-um-die-Uhr-Betreuung. Das Konzept sei 2006 ein Wagnis gewesen. Jetzt gebe es für diese Wohnform lange Wartelisten, führt die Frau, die parallel auch ein Wohnungsunternehmen in Gommern leitet, aus. Das Wagnis gleicht fast schon einem Wunder : Bei den in den Wohngemeinschaften Lebenden ist teilweise ein Stillstand der sonst rapide fortschreitenden Krankheit zu verzeichnen, zum Teil sogar eine Verbesserung des gesundheitlichen Zustands.

Das Herangehen der Geschäftsführerin an ihre Aufgaben begründet sich in der Überlegung, in welchen Wohnungen Menschen heute wirklich gerne leben wollen. Dass sie dabei den Nerv des Wesentlichen trifft, darf als gesichert betrachtet werden. Ja, sie erlebe es durchaus, dass ihr Mieter vom Balkon ihrer Wohnung zuwinken und versichern, dass sie sich wohl fühlen. Befragt nach einer Kraftquelle für ihr arbeitsintensives Berufsleben verweist Sigrid Meyer lediglich auf das Schwitzen in der Sauna. Aber Zeit biete sich dafür kaum. " Ich bin ja schon froh, wenn mich meine Enkelkinder wieder erkennen ", sagt sie lächelnd. Oft zu Gesicht bekommt auch ihr Ehemann seine bessere Hälfte nicht. Der sei das aber gewöhnt. Im Gegenteil : " Mein Mann würde die Welt nicht mehr verstehen, wenn ich Tag und Nacht im Haus wäre. "

Das steht übrigens in Niederndodeleben. Hier teilt sich die 50 Jahre junge Frau den Wohnraum mit zwei Hunden und einer Katze. Alles gehe friedlich zu. Ist die ganze Familie aber beisammen, würden " italienische Verhältnisse " herrschen. " Dann geht die Post ab ", gewährt Sigrid Meyer einen innerfamiliären Einblick. Ihren Tag beginnt sie bereits um 4 Uhr in der Frühe. Im SWB-Sitz gehört sie zu den Ersten, die die Türen aufschließen. Sie könne schlechterdings von ihren Mitarbeitern mehr verlangen, als sie selbst zu leisten bereit ist, fndet Sigrid Meyer. Überhaupt lenkt sie das Gespräch immer wieder auf das SWB-Team. Bei jeder passenden Gelegenheit lobt sie Einsatzbereitschaft und Kreativität ihrer Leute. Könnte es denn sein, dass eine Frau andere Führungsqualitäten mitbringt als ein Mann ? Sigrid Meyer wägt ab : " Frauen denken wahrscheinlich komplexer. Deshalb brauchen sie zuweilen mehr Zeit, um zu einer Entscheidung zu kommen. "

Und im Urlaub ? Die Antwort kommt schnell : " Nicht bewegen. Keinen sehen. Alleine sein. Das brauche ich, um die Batterien aufzutanken. Fünf, sechs Tage reichen aus. Dann denke ich wieder über Konzepte nach. "