Eine überraschende Entdeckung machte die Plötzkyer Restauratorin Maria Meussling am Ende ihrer beruflichen Laufbahn : In der gotischen Holzfigur eines Aschersleber Flügelaltars fand sie eine Reliquie, die im Gewand der Heiligen Katharina steckte.

Plötzky / Aschersleben. " Gucken Sie sich die Heilige Katharina mal genau an. Fällt Ihnen an ihr etwas auf ?", fragt Maria Meussling triumphierend. Sie deutet auf die Mittelste der drei Heiligen, die den gotischen Flügelalter zieren, der aus drei Teilen besteht.

Die Restauratorin ist viel zu begeistert von ihrer Entdeckung, um abzuwarten, bis der Laie den anderthalb Zentimeter großen Fleck am Gewand der Figur selbst findet. Es ist die Heilige Katharina, die der Legende nach im 3. oder 4. Jahrhundert lebte und unter Kaiser Maxentius den Märtyrertod erlitt.

" Das ist auch für mich eine kleine Sensation ", gesteht die 65-Jährige, als sie vorsichtig den Holzdübel anhebt, der bis dahin als rostroter Fleck auf dem goldenen Gewand nicht sonderlich auffällt. Zum Vorschein kommt eine Bohrung, in der Stoffreste zu erahnen sind. Maria Meussling setzt behutsam die Pinzette an, zieht ein winziges Stoffbündel ans Tageslicht.

" Es handelt sich unzweifelhaft um eine Reliquie der Heiligen Katharina ", strahlt Maria Meussling. Ein fein gewebter, rot gefärbter Stoff umhüllt einen groberen Fetzen weißes Leinen. " Ein Stück vom Mantel der Heiligen ", erklärt die Restauratorin knapp, die sich des besonderen Moments bewusst ist.

Der Zustand beider Textilien ist sehr gut. Die Jahrhunderte im Lindenholz haben sie kaum altern lassen. Der Dübel war ursprünglich mit Siegellack verschlossen, Staub und Schadinsekten konnten nicht eindringen.

Aber warum wählte man ausgerechnet diese unspektakuläre Stelle des Flügelaltars, um die Reliquie einzufügen ? Wäre nicht ein exponiertes Schnitzdetail der Heiligenfi gur, wie beispielsweise das Buch mit den fünf Siegeln, welches Katharina in den Händen hält, geeigneter gewesen ? " Die Auftraggeber müssen praktisch denkende Leute gewesen sein. Das Stück eines Mantels platzierten sie eben dort, wo es hingehörte – im Gewand ", schlussfolgert Maria Meussling logisch.

Die gebürtige Thüringerin hat, wie sie selbst sagt, in ihrer rund 45-jährigen Schaffenszeit noch nie einen solch spektakulären Fund gemacht. Wohl war sie dabei, als bei Abnahme des Altars von Rosian eine Reliquie in dessen steinernem Fundament auftauchte. Oder bei einem hölzernen Christus, in dessen Brust ein Türchen eingearbeitet ist, hinter dem so ein heiliges Überbleibsel offensichtlich ist.

Der Flügelalter von Aschersleben steht schon lange in keiner Kirche mehr, sondern wird im dortigen Stadtmuseum aufgewahrt. Vor zwei Jahren zeigte man ihn bei einer Ausstellung im Kreismuseum Bad Salzelmen. " Zu seiner Zeit muss er für die Menschen sehr bedeutungsvoll gewesen sein ", unterstreicht die Restauratorin.

Aber vermutlich nicht lange, weil wenige Jahrzehnte später die Reformation jegliche Heiligenverehrung abschaffte. Katharinas Stofffetzen überdauerte die Jahrhunderte der Bilderstürmerei, Kriege und ideologische Vernachlässigungen.