Die Schriftstellerin Irina Korschunow ist am 31. Dezember, ihrem 88. Geburtstag, in München gestorben. Warum sollte diese Frau auch die Stendaler interessieren? Weil Stendal ihr Geburtsort ist, sie hier ihre Kindheit und Jugend verbracht hat und die Stadt in einem ihrer Romane eine Rolle spielt.

Stendal l Die Spuren Irina Korschunows in ihrer Heimatstadt sind rar. Natürlich entdeckt man welche in der Stadtbibliothek. Dort findet man alle neun Romane, die sie für Erwachsene geschrieben hat, darunter ihren ersten "Glück hat seinen Preis" von 1983, in dem Stendal über große Teile Handlungsort ist (siehe Infokasten), wie auch ihren letzten von 2009: "Langsamer Abschied". Außerdem kann man in der Bibliothek zwei Jugend- und 13 Kinderbücher von Irina Korschunow ausleihen, darunter auch ihr erstes Buch überhaupt: "Die Wawuschels mit den grünen Haaren" von 1967, das ihr größter Erfolg war und in mehrere Sprachen übersetzt wurde. 1999 wurde der Stoff sogar am Theater der Altmark inszeniert.

Von der Beliebtheit ihrer Kinderbücher kann Susanne Malzahn, Inhaberin der Buchhandlung Genz, erzählen. "Es gibt viele schöne Kinderbücher von ihr, sie werden immer wieder aufgelegt und gern gekauft. Zum Beispiel ¿Der Findefuchs\' in sehr schön illustrierten Ausgaben oder auch ¿Hanno malt sich einen Drachen\'. Korschunows Kinderbücher sind vielen Kunden aus der eigenen Kindheit bekannt und Auszüge daraus sind Schullesestoff." Ihr Roman "Glück hat seinen Preis" mit Stendalbezug sei gerade nicht lieferbar, werde aber nachgedruckt, sagt Malzahn. Sie empfiehlt den Titel allen Einheimischen, vor allem Älteren: "Sie können ihre Stadt darin wiedererkennen, Plätze, Straßen und damalige Geschäfte und deren Inhaber."

Grundschulzeit mit der späteren Literatin

Zwei andere ihrer Romane schätzt der Stendaler Schriftsteller Albrecht Franke sehr: "Das Spiegelbild", weil sie darin sehr gekonnt den Tonfall Annette von Droste-Hülshoffs aufnimmt. "Dieses Buch habe ich sogar mal in einem Deutsch-Leistungskurs behandelt."

Wegen seiner Tiefe, seines Feinsinns wie auch des flotten Stils hat Franke ebenso den Roman "Langsamer Abschied" gern gelesen. "Da werden sehr existenzielle Fragen gestellt, Fragen der Religion und des Umgangs mit Tod und Verlust. Das ist sehr eindringlich." Franke denkt: "Ihre Stimme wird fehlen. Gerade ihre Art, die Gefühlswelt von Frauen zu beschreiben, ist bewundernswert und hoch zu schätzen."

Neben dem literarischen Andenken ist da auch noch diese eine, sehr private Spur Irina Korschunows in ihrer Heimatstadt: ein Klassenfoto. Klaus Arendt hat es aufbewahrt, es gehörte seiner verstorbenen Frau. "Sie ist mit Irina in der Grundschule in dieselbe Klasse gegangen", erzählt der 87-Jährige. Als Korschunow in den 90er Jahren in Stendal bei einer Lesung war, hat sich seine Frau das Foto von der einstigen Mitschülerin signieren lassen. Kontakt hatten die beiden Frauen nach der gemeinsamen Schulzeit aber nicht mehr. Korschunow ging 1949 erst nach Göttingen, lebte dann bis zu ihrem Tod in München. Aber Korschunows Eltern, die sind Klaus Arendt noch vage in Erinnerung. "Sie betrieben das Clubhaus der ¿Wasserfreunde\' und da war ich als Kind öfter." Sagt\'s und zeigt auf ein Foto in einem Stendal-Buch, wo er bei einem Kinderfest vor dem Clubhaus abgelichtet ist - im Hintergrund Korschunows Vater.

Soll es einmal eine manifeste Spur von Irina Korschunow in Stendals Stadtbild geben? Die Frage der Volksstimme, ob womöglich eine Straße nach ihr benannt werden könnte, wird von der Stadt verneint, da alle öffentlichen Straßen schon gewidmet seien. "Aber vielleicht hat jemand ja eine andere gute Idee zur Würdigung Korschunows", heißt es aus der Pressestelle.

   

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