Gestern setzte das Landgericht in Stendal den Prozess um den tödlichen Sturz eines Dachdeckers in Tangermünde fort.

Stendal l Worin soll überhaupt die Schuld der drei Angeklagten bestehen, schließlich steht außer Zweifel, dass sie den verunglückten Dachdecker am 8. März 2011 nicht vom Gerüst gestoßen haben?

Anklage und auch Urteil des Amtsgerichtes gehen gemäß Strafgesetzbuch von "Fahrlässiger Tötung durch Unterlassen" aus. So resultiert nach dem Amtsgerichtsurteil vom 8. März vorigen Jahres die Schuld des Geschäftsführers der Dachdeckerfirma allein aus der besonderen Fürsorgepflicht, "Garantenpflicht" genannt, die er als Arbeitgeber habe: für Leib und Leben seiner Angestellten Sorge zu tragen. Freiwillig und unabhängig jeder Schuldanerkenntnis hatte der 74-Jährige kurze Zeit nach dem Unfall der Witwe 5000 Euro und drei Monatslöhne ihres toten Ehemannes gezahlt.

Die freiberufliche Bauingenieurin (48), die zum Unfallzeitpunkt als Sicherungskoordinatorin im Auftrag des Bauherrn, der Kirchengemeinde St. Stephan, fungierte, hätte laut Anklage und Amtsgerichtsurteil ihrer Kontrollpflicht nachkommen und mehr für die Sicherheit auf der Baustelle tun müssen. Dachdeckerchef und Koordinatorin waren in der Erstinstanz zu je 60 Tagessätzen á 100 Euro (6000 Euro) verurteilt worden.

Der vom Amtsgericht freigesprochene Geschäftsführer (39) der Gerüstbaufirma soll laut Anklage und den Anwälten der Witwe und ihrer Kinder für den Bau des Gerüstes verantwortlich zeichnen und damit auch für den tödlichen Sturz des Dachdeckers strafrechtlich belangt werden. Das hatte das Amtsgericht nicht so gesehen. Dafür habe er eine "befähigte Person im Gerüstbau" als Mitarbeiter. Diesem habe er die Verantwortung übertragen, hieß es sinngemäß im Urteil des Amtsgerichts.

Ermittlungen gegen Vorarbeiter laufen

Gegen diesen Vorarbeiter laufen nunmehr staatsanwaltliche Ermittlungen. Auf diese sich berufend, machte der 56-Jährige gestern vor der Berufungskammer von seinem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch. Ein zweiter Mitarbeiter der Gerüstbaufirma sagte hingegen als Zeuge aus. Er gab an, dass wohl eine Bohle an einer Seite etwa 30 Zentimeter herausgeragt habe, diese aber mit Querholz und "Gerüststricken" gesichert gewesen sei. Auf die Frage des Gerichts, warum diese Bohle trotzdem runtergefallen sei, spekulierte er, dass nur "jemand" mit erheblichem Kraftaufwand die Bohle herausgenommen haben könne.

Ob das tatsächlich so gewesen sein kann, soll der Gerüstbausachverständige Sven Herold klären. Sein Gutachten dürfte entscheidend für den Ausgang des Prozesses sein. Fortsetzung ist am 15. Januar.