Zum ersten Mal nur noch Theater. Hannes Liebmann war ein Vagabund, hat vieles probiert und vieles gelebt. In seiner ersten großen Rolle am TdA lebt er als vergreister Ex-Boxer im Altersheim. Und hat eigentlich mit seinem Leben abgeschlossen.

Stendal l Leo war kein Boxer aus Leidenschaft, "er kam zum Boxen wie die Jungfrau zum Kind". Doch nun ist der Ex-Boxer steinalt und hat mit dem Leben abgeschlossen - Hannes Liebmann schwingt sich in den Rollstuhl und setzt diesen abwesenden Leo-Blick auf.

Man nimmt ihm den vergreisten 70-Jährigen, der in jungen Jahren erfolgreich geboxt hat und nun im Altersheim seine Ruhe sucht, sofort ab. Leo stellt sich taub, täuscht einen Schlaganfall vor und möchte auch von Jojo nichts wissen, dem 20-jährigen Straftäter, der sein Zimmer renovieren muss. Als dieser ihn auch noch beleidigt, schlägt Leo einfach zu.

Dennoch finden die beiden zueinander - eine Freundschaft entsteht. Das Tolle an dem Stück? Hannes Liebmann überlegt: "Die Annäherung der beiden Generationen." Und dann entdeckt er tausend gute Gründe. Dass das Stück zeigt, dass es Sinn hat, sich respektvoll zu begegnen, und dass Leo einfache und kluge Sätze sagt.

Es ist nicht seine erste TdA-Rolle. Vielleicht die erste große in Stendal. Als langsames "Reingrooven" bezeichnet Hannes Liebmann seinen Einstieg: kleinere Rollen, die ihm Zeit gaben, in der Kleinstadt anzukommen und Land und Leute kennenzulernen. Der Österreicher, der lange Zeit in München gelebt hat und noch nie länger ohne seine Berge war, mag das flache Land. "Das flache Land macht mir nichts aus. Und ich kann mir die Berge hinter den Wolken ja vorstellen." Nun hat sich der Vagabund entschieden, sesshaft zu werden. Zumindest beruflich.

Denn zuvor hatte der 57-Jährige auf vielen Hochzeiten getanzt. Studierte kurz Jura sowie Soziologie und jobbte als Lkw-Fahrer sowie Kellner, um letztendlich jahrzehntelang der Gastronomie die Treue zu schwören. Er war ein guter Kellner, sagt er, arbeitete als Gastro-Manager und Geschäftsführer und als ihm ein Edelsteingroßhandel über den Weg lief, ließ er sich zum Edelsteinfachmann ausbilden.

Etwas "langweilig" wurde es ihm mit den Steinen dann doch. Liebmann suchte sein Glück im Rhetorikkurs und wurde entdeckt - mit Mitte 30. "Deine Stimme ist toll. Du solltest was mit Schauspiel machen", offenbarte man ihm damals. In einer Sprecherausbildung stand er zum ersten Mal auf einer Bühne und schaffte wenig später den Sprung ans Anton-Bruckner-Konservatorium, eine staatliche Schauspielschule in Linz. Fortan gab es in Liebmanns beruflichem Leben drei feste Säulen: Die Gastronomie, die Edelsteine und die Schauspielerei. "Multitasking" sagt er, ohne protzen zu wollen.

In Stendal will er sich nur noch dem Theater widmen. Nach und nach hatte er zuvor ganz langsam Abschied genommen: erst von der Gastronomie, dann von den Edelsteinen und zuletzt vom Münchener Residenztheater.

Offen will er trotzdem bleiben. Das wird spätestens dann klar, als er aus dem "Boxer" Leo zitiert: "Es ist nicht wichtig, was man macht, sondern was man machen könnte." Und erklärt sogleich, was er daran so mag: "Man sollte immer neugierig bleiben und Träume haben, Niederlagen wegwischen und wieder aufstehen. Weitermachen und immer wieder weitermachen."

"Das Herz eines Boxers" hat am Sonnabend, 18. Januar, um 19.30 Uhr im Rangfoyer Premiere. Regie führt David Lenard. Karten: Tel. 03931/635777

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