Tangermünde | Mit Begeisterung stellt Petra Hoffmann einen großen, alten Koffer auf den Tisch, klappt den Deckel hoch und überfällt ihre Zuhörerschaft mit einem Redeschwall. Wer die Grundschullehrerin kennt, weiß, dass sie mit Begeisterung und Hingabe für die Sachen eintritt, die sie sich vorgenommen hat. Petra Hoffmann ist nicht nur Grundschullehrerin. Sie ist auch die Leiterin der Jungen Tangermünder Stadtführer und Stadtführerkinder.

In dieser Funktion besuchte sie vor wenigen Tagen das Treffen der Mitglieder des Gründungsvereins der Stadtstiftung Tangermünde. Der Grund: Den Verein und die kleinen Geschichteninteressenten verbindet ein Projekt. Es nennt sich Geschichtskoffer, steckt noch in den Kinderschuhen, wird aber vor allem finanziell und ideell vom Gründungsverein unterstützt.

Im vergangenen Jahr hatten die Kinder an einem Wettwerb der Altmärkischen Bürgerstiftung teilgenommen. Das Ergebnis: 1000 Euro erhielt die Idee aus der Kaiserstadt. Geld, das in den nächsten Monaten eingesetzt werden wird, um dem Geschichtskoffer Inhalt zu geben.

Ein Wecker für die Glocken, Kohle für den Stadtbrand

Petra Hoffmann erklärt den Vereinsmitgliedern, wie die Stadtgeschichte in den alten Koffer passen, wie sie für jeden erlebbar gemacht werden soll. Mit Freude befördert sie einen winzigen Gegenstand nach dem anderen aus dem alten braunen Reisegepäck. "Die winzige Kanone hier, wofür mag die wohl stehen?", fragt sie in die Runde, als wäre gerade Unterricht. Für die Faule Grete, den Nachbau einer Kanone, die in den vergangenen Monaten im Pavillon des Burgmuseum stand, hat das kleine Modell seinen Platz im Koffer. Wer mehr über die Faule Grete und ihre Rolle in der Geschichte der Stadt Tangermünde erfahren möchte, der wird, wenn das Projekt Geschichtskoffer vollendet ist, einfach sein Smartphone nehmen und es an den QR-Code an der Faulen Grete halten müssen. Das Handy verbindet den Anwender dann automatisch mit einer Internetseite, auf der alle Informationen über diese Kanone niedergeschrieben sind.

Mit Hilfe der vielen im Koffer abgelegten Utensilien, die alle einen QR-Code bekommen werden, ist so eine Zeitreise auf ganz andere Weise durch die Stadt Tangermünde möglich. Zu den Dingen, die Petra Hoffmann derzeit in den Geschichtskoffer gelegt hat, gehören unter anderem noch ein Wecker, der für die Glocken von St. Stephan steht, Holzkohle steht für den Stadtbrand, ein kleines Geweih für die Sage um die Jungfrau Lorenz, eine winzige Menora für die Geschichte der Juden in Tangermünde, ein Getreidesäckchen für die Geschichte des Kapitelturms, eine Kaiser-Karl-Marionette für das Wirken dieses Mannes in der Stadt, ein Storch für die jährlich wiederkehrenden Vögel, ein kleines Pumpenmodell für die Wasserversorgung früher und heute in Tangermünde.

"Das ist eine Geschichte, die wir heute nicht zu Ende bringen müssen." - Erik Weber

Die Ideen für weitere Dinge im Geschichtskoffer sind vielfältig. Bisher sind es mehr als 30 Gegenstände, die Petra Hoffmann mit den Kindern zusammengetragen hat. "Aber die Geschichten dazu aufzuschreiben, ist eine unheimliche Arbeit", berichtet die Tangermünderin den Mitgliedern des Gründungsvereins der Stadtstiftung. In Zusammenarbeit mit einer Berliner Schule werden in den nächsten Wochen und Monaten die QR-Codes und die dazu gehörigen Geschichtstexte erarbeitet und auf einer Internetseite zusammengefasst. Dafür steht den Tangermündern der Gewinn von 1000 Euro zur Verfügung.

Der Gründungsverein unterstützt die Geschichtskoffer-Idee mit weiterführenden Gedanken. "Wir könnten die Schilder aus Plexiglas, die an Denkmälern unserer Stadt angebracht sind, ebenfalls mit QR-Codes versehen", sagt Vereinsvorsitzende Erik Weber während der jüngsten Versammlung.

Der Koffer, so erste Ideen, wäre in Zukunft vielleicht im Stadtgeschichtlichen Museum oder auch in der Stadtbibliothek gut aufgehoben. Hier sei er einer großen Öffentlichkeit zugänglich, könnte von Touristen ebenso wie von Schülern der Stadt genutzt werden. "Vielleicht können ihn sich Schulen sogar für den Unterricht ausleihen", sagt Erik Weber.

Auch wäre es möglich, die QR-Codes künftig auf weitere Denkmäler der Stadt auszuweiten. Privatpersonen, die mit viel Mühe und Aufwand ein Haus saniert haben, es gern der Öffentlichkeit in einem gewissen Rahmen zugänglich machen wollen, könnten das auf diesem Wege tun. Erik Weber: "Das ist eine Geschichte, die wir heute nicht zu Ende bringen müssen, die immer wieder um weitere interessante Dinge und Geschichten erweitert werden kann."