Stendal (ro) | Beim Blick vom Sperlingsberg ist der Sturm der Entrüstung nicht zu übersehen, den Roman Grafe in unserer Stadt entfacht hat. Der streitbare Journalist und Buchautor kennt das. Wo er auch hinkommt, wo er auch über seine Bücher und Texte spricht, vornehmlich im Osten dieses Landes, schlägt ihm neben Anerkennung leidenschaftlicher Protest entgegen. Das kann bei einem Mann, der die Bürgerschaft der ehemaligen DDR auf die drei Kategorien Opfer, Täter und Mitläufer beschränkt, auch gar nicht anders sein.

Roman Grafe nennt die Dinge beim Namen

Grafe, zu Beginn des Revolutionsjahres 1989 als 20-Jähriger in den Westen "übergesiedelt", wie es in seinen Biografien heißt, recherchiert in Räumen, in denen noch immer Verdunkelung vorherrscht. Er deckt auf, beleuchtet vergangenes Unrecht, nennt Leute beim Namen, die zu Tätern wurden, zum Beispiel an der innerdeutschen Grenze, wo Täter und Opfer direkt aufeinander- trafen, was vielen Opfern den Tod brachte. Das ist verdienstvoll.

Was Herrn Grafe offenbar fehlt, ist das Wissen darüber, was wirklich geschah in der späten DDR. Daher wohl sein mangelndes Fingerspitzengefühl im Umgang mit den Ostdeutschen, die er mal schnell zu Mitläufern degradiert, wenn sie nicht gerade Opfer waren und als solche in den Westen gegangen sind. Oder wenn sie nicht seiner Meinung sind wie die Lehrerin der Comenius-Schule, die er deutschlandweit an den Pranger gestellt hat.

DDR-Geschichte nicht auf den Müll werfen

Grafe ignoriert sie offenbar, die vielen hunderttausend DDR-Bürger, die, statt überzusiedeln, in die Kirchen und anschließend, auch in Stendal, auf die Straße gegangen sind. Sie wollten ihr Land nicht auf den Müllhaufen der Geschichte werfen, sondern es von innen heraus verändern. Sie wollten nicht einfach Westgeld, volle Geschäfte und ein Flugticket nach Mallorca - das natürlich auch -, sie wollten mehr Demokratie, Möglichkeiten zur Mitgestaltung der Gesellschaft, die Freiheit ihres Denkens und Handelns.

"Wir wollen das Bewährte erhalten und doch Platz für Erneuerung schaffen", ist vielleicht der Kernsatz im Gründungsaufruf des Neuen Forums "Aufbruch `89", unter dem auch der Name der Stendaler Ärztin Erika Drees steht. Dass diese brisanten zwei A-4-Seiten letztlich doch das Ende der DDR einleiteten, war gewiss nicht im Sinne seiner 30 Erstunterzeichner, wohl aber in jenem der Mehrheit der Bürger dieses Landes.

Mehr Kommunikation ist nötig

"In unserem Lande ist die Kommunikation zwischen Staat und Gesellschaft offensichtlich gestört", lautet der erste Satz im Aufruf des Neuen Forums. Vielleicht nimmt Roman Grafe ja diesen kleinen Ratschlag an: Die Kommunikation zwischen ihm und seinem ostdeutschen Publikum ist dringend verbesserungsbedürftig. Denn bei Weitem nicht alle, die er weder zu den Tätern noch zu den Opfern zählen kann, waren Mitläufer.