Stendal/Magdeburg (mr) l Die Diskussion um die Lesung des Autors Roman Grafe an der Comenius-Schule zum DDR-Unrecht und die umstrittene Reaktion einer Lehrerin beschäftigen jetzt auch die Landespolitik. Die Landtagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen hat das Thema auf die Tagesordnung des Ausschusses für Bildung und Kultur am 19. Februar gesetzt.

Das Kultusministerium soll auf der Sitzung "über DDR-Rezeption in Schulen in Sachsen-Anhalt im Allgemeinen und insbesondere über den Vorfall in der Comenius-Ganztagssekundarschule in Stendal" berichten, heißt es in dem von Fraktionschefin Claudia Dalbert unterschriebenen Antrag.

Die Grünen fragen insbesondere danach, wie das Kultusministerium den Vorfall in der Schule beurteilt und welche Konsequenzen daraus gezogen werden können, "um in der Zukunft solche Vorfälle zu unterbinden". Die Fraktion will zudem wissen, ob hier ein Einzelfall vorliegt oder ob dieses Beispiel "bei vielen Lehrerinnen und Lehrern weitverbreitet ist".

Unterdessen reißt die Leser-Diskussion nicht ab. Wir drucken daher weiterhin Auszüge aus den Reaktionen, die uns erreichen:

Sie sind wirklich noch da! Sie werden nicht müde, ein rosarotes Bild von einer DDR zu zeichnen, die es so nie gegeben hat. Wenn Herr List von den Regeln der Gesellschaftsordnung, die eben eingehalten werden müssen, redet, dann muss man staunen. Denn Fakt ist, dass die übergroße Mehrheit der Menschen am Ende der DDR den SED-Staat ablehnte. Ebenso verurteilte die große Mehrheit der Bevölkerung der DDR, dass auf Menschen geschossen wurde, die das Land verlassen wollten.

Manfred Jann,

Schönhausen

Ich war gewiss kein Freund der SED, und die Schattenseiten der DDR sind mir bekannt. Nun hat jemand diese dunklen Kapitel gezielt zusammengestellt, wird dafür gelobt und vierhundertmal eingeladen, jungen Menschen die Wahrheit über die DDR zu berichten. Aber es ist nur die halbe Wahrheit! Und traut sich jemand, das zu sagen, dann ist das Verklärung und Schönfärberei, man wird an den Pranger gestellt, und ein Aufschrei der Empörung hallt durch Deutschland bis hin nach Bayern. Somit kann man wieder mal frei seine Meinung äußern, solange sie erwünscht ist.

Frank Donat,

Beetzendorf

Mit großem Interesse habe ich den Artikel nicht nur gelesen, sondern versucht, mir vorzustellen, wie diese Buchlesung abgelaufen sein kann. Mir sind keine der beteiligten Personen bekannt, aber ich glaube zu wissen, wie schwer es ist, objektiv über eine Sache zu berichten. Beim Lesen dieses Berichtes und der folgenden Beiträge stellt sich mir die Frage, was der Herr Grafe mit seiner Buchlesung bei den Schülern erreichen will?

Möchte er mit seinem aggressiven Stil die so beeinflussten Schüler in einen Widerspruch zu ihren Eltern und Großeltern bringen? Sie, Herr Grafe, legen sich für solche Fälle "Stift und Zettel" parat, um gegebenenfalls Äußerungen zu notieren. Es war sogar wichtig zu protokollieren, dass "in der DDR nicht alles schlecht gewesen sei"! Der aus dem Zusammenhang genommene Satz der Lehrerin "Wenn man sich in Diktaturen an die Regeln hält, passiert einem nichts" ist gar nicht so unsinnig, wenn man, wie Wolfgang List schreibt, Diktatur durch Staat ersetzt.

Dieter Schulze,

Stendal

Danke an Herrn Opitz für seine guten Worte! Streckenweise meint man, sich mit der Art von Herrn Grafe nicht abfinden zu wollen, bedeutet, als ewiggestrige Altlast dazustehen. Ich kann mich noch sehr gut an einen Montag, den 9. Oktober 1989, erinnern. Wir machten uns am Abend dieses Tages von der Nikolaikirche auf in Richtung des Leipziger Stadtrings, wo auch das Gebäude der Staatssicherheit, "Runde Ecke" genannt, liegt. In der ganzen Stadt waren die bis an die Zähne bewaffneten "Organe" der inneren Sicherheit unseres Staates zu sehen, in dem wir so wie bisher nicht weiterleben wollten. Da war Herr Grafe ganz weit weg und in bequemer Sicherheit.

Sylvia Gohsrich,

Stendal

Der Artikel von Roman Grafe wird der Comenius-Schule Stendal als Ganzes nicht gerecht und zeigt die Schule nun generell in einem Zwielicht, wo ich sie gerne wieder herausgerückt sähe. Ich habe als Professor für kindliche Entwicklung, Bildung und Sozialisation von 2008 bis 2012 seitens der Hochschule Magdeburg-Stendal durchgängig, eng und sehr gut mit der Comenius-Schule zusammengearbeitet.

Frau Henning hat als Schulleiterin die große Verantwortung, diese Schule von der einen Zeit in die andere zu führen. Wir hatten von der Hochschule aus mehrere Partner- und Kooperationsschulen. Alle waren sehr kooperativ, doch die Comenius-Schule Stendal war die offenste und hilfsbereiteste. Die Verantwortung für alle Menschen an der Schule und der dazugehörigen Community übernimmt. Es mag aufgrund der durch Roman Grafe angestoßenen Kampagne im öffentlichen Bild nun ein Schatten über der Comenius-Schule liegen, zu Unrecht! Jetzt sollte wieder die Lichtseite der Stendaler Comenius-Schule in den Fokus gerückt werden.

Joachim Bröcher,

Flensburg

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