Stendal (mr) l Während die Eskalation nach einer Lesung von Roman Grafe über DDR-Unrecht an der Comenius-Schule derzeit kontrovers diskutiert wird, kommt der Autor morgen wieder nach Stendal. Grafe liest dann vor Schülern der BBS II. Die Initiative dafür ergriff Deutsch-, Geschichts- und Politiklehrer Jens Schößler. Marc Rath sprach mit dem schulfachlichen Koordinator für die Fachgymnasien der Schule.

Volksstimme: Wie kam es dazu, dass Sie Roman Grafe eingeladen haben?

Jens Schößler: Ich kannte weder den Artikel von Roman Grafe in der ZEIT über dessen Erlebnisse an der Comenius-Sekundarschule, noch hatte ich am 30. Januar die Veröffentlichung in der Volksstimme lesen können. Aber ich sah am Abend den Beitrag in MDR "Sachsen-Anhalt heute" und war über den einseitigen Bericht erschrocken.

Der Bericht begann nämlich damit, dass Menschen in der Breiten Straße in Stendal interviewt wurden, die durchweg eine positive Sicht auf die DDR hatten. Das zog sich durch den gesamten Beitrag wie ein roter Faden. Das ist auf keinen Fall investigativer Journalismus, wie ich mir den vorstelle.

Daher habe ich - noch während der Beitrag im Fernsehen lief - eine Mail geschrieben und Roman Grafe an unsere Schule eingeladen. Am nächsten Tag haben wir in der Schule über diesen Beitrag diskutiert und in der Schulleitung haben wir nochmals bestätigt, dass wir Herrn Grafe einladen.

Volksstimme: Was erwarten Sie von seiner Lesung vor Ihren Schülern?

Schößler: Unter normalen Umständen würde ich sagen, dass ich einen Zugewinn an Wissen über die DDR-Geschichte bei unseren Schülern erwarte. Es ist bei uns nicht die Ausnahme, Zeitzeugen einzuladen. Am 5. März ist die nächste Veranstaltung mit Herrn Tschiche und Oppositionellen aus der Tschechei und Ungarn geplant. Das stand schon vorher fest. Für die Veranstaltung am Freitag erwarte ich jedoch wesentlich mehr. Ich denke, dass wir uns danach auch über die Rolle und Verantwortung von Medien austauschen werden.

Volksstimme: Wie sehen Sie das Thema DDR-Darstellung im heutigen Schulalltag?

Schößler: Die Geschichtslehrer, die ich kenne, gehen sehr verantwortungsvoll mit dem Thema DDR-Geschichte um. Ich bin davon überzeugt, dass die Geschichtslehrer der Comenius-Sekundarschule wesentlich differenzierter dieses - seit 25 Jahren hochemotionale - Thema im Unterricht behandeln, als es im Augenblick den Anschein haben mag. Ansonsten glaube ich, dass diese Thematik zu spät unterrichtet wird, weil laut Rahmenrichtlinien chronologisch vorgegangen wird. Meine Tochter, die jetzt die 5. Klasse besucht, fragte meine Frau und mich neulich, wo wir denn aufgewachsen seien, "in der BDR oder so ähnlich?" Diese Frage verdeutlicht, wie weit die deutsche Teilung für unsere Kinder weg ist.

Wir haben unserer Tochter dann erklärt, wie das mit der Teilung kam, wo wir bis zur Wiedervereinigung aufgewachsen sind und welche Unterschiede das geteilte Deutschland aufwies.

Es ist nicht mein Ziel, mich in den Mittelpunkt der Öffentlichkeit zu stellen. Mir geht es hier um einen wirklich differenzierten Blick auf die DDR-Geschichte.