Raus in die Welt, fremde Sprachen und Kulturen kennenlernen, den eigenen Blick auf das Andere schärfen: Andrea Jobs und Sven Zimdahl haben sich diesen Traum mit einer Reise über zwei Kontinente erfüllt.

Stendal l Zu zweit sind sie losgefahren, zu dritt sind sie wiedergekommen. Als Andrea Jobs und Sven Zimdahl im Juni 2012 zu ihrer Weltreise aufbrachen, war ihnen noch nicht klar, dass sie knapp anderthalb Jahre später mit einem kleinen Ole "im Gepäck" zurückkommen würden. "Es ist ein Kiwi", sagt Sven Zimdahl liebevoll und zieht dem mittagsschlummernden Ole die Decke nochmal zurecht. Ein Kiwi - Oles Ursprünge liegen in Neuseeland, dessen Einwohner sich selbst nach dem dort beheimateten kleinen Laufvogel bezeichnen. Vor zwei Wochen wurde Ole in Stendal geboren, ein gesundes und friedliches Baby.

In Neuseeland, das sie landschaftlich so begeistert hat wie Argentinien und Patagonien, haben Andrea und Sven zum ersten Mal überlegt, die Reise abzubrechen. Kein schöner Gedanke, schließlich hatten sich die beiden diese Reise so sehr gewünscht. Während des Studiums in Braunschweig - sie Biotechnologie, er Wirtschaftsingenieurwesen Maschinenbau - haben sie viel gejobbt und strikt gespart. Die erste Hälfte der Route hat sie dann, angefangen auf Kuba, über den lateinamerikanischen Kontinent geführt. Und nun, mittendrin, die Erkenntnis: Das Geld reicht nicht.

Aber dann fanden sie Aushilfsjobs in einer Apfelverpackungsanlage und als Kiwipflücker. Sparsam gelebt haben die beiden unterwegs ohnehin, sind viel in Überlandbussen gereist, haben oft gezeltet und so manche große, aber teure Sehenswürdigkeit ausgelassen. "Und unsere Eltern haben uns finanziell unterstützt, sonst hätten wir das nicht so zu Ende bringen können wie geplant."

Dass sie zurückkommen, stand nie in Frage

Oles Weltreise im Bauch seiner Mama Andrea dauerte dann also noch gut sechs Monate. Den Geschmack von Südostasien hat er sicher über die Nabelschnur in sich aufgesogen. Denn auf Neuseeland folgten Singapur, Myanmar, Malaysia, Thailand, Laos, Kambodscha und Vietnam, bevor es in der Transsibirischen Eisenbahn durch Russland zurück nach Hause ging.

Gesundheitliche Bedenken oder Probleme hatten die beiden Weltenbummler nicht. Im Gegenteil: "Die medizinische Versorgung in Südostasien war zum Teil auf einem höheren Standard als in Deutschland", erzählt Andrea, die sich und ihr Baby in besten Händen fühlte. Aber eines fehlte ihnen doch sehr: "Brot." Ein Wort nur, und Andreas sehnlicher Blick dazu spricht Bände. Und wie glücklich war sie, als ihr ein Freund, der sie in Vietnam besuchte, etwas mitbrachte, wonach die Schwangere solche Sehnsucht hatte: Gewürzgurken! "Und Knusperflocken hatte er dabei", sagt Sven und strahlt, als ob er diesen Moment gerade noch einmal erlebt.

Dass sie nach Hause zurückkommen würden, war den beiden Endzwanzigern immer klar. Nicht nur wegen des Brotes. "Zu Hause ist zu Hause, die Familien sind hier, und man sehnt sich nach den einfachsten Dingen", sagt Andrea. Auf die Frage, ob sie nie unterwegs irgendwo das Gefühl gehabt hätten `Hier könnte man bleiben`, schütteln beide den Kopf.

Die Reise hat sie verändert. "Wir sind toleranter und intoleranter geworden", sagt Andrea. "Toleranter gegenüber anderen Kulturen. Wir finden, dass man die Vielfalt auch in Deutschland langsam mal akzeptieren sollte." Und wieso intoleranter? Sven: "Intoleranter gegenüber Rücksichtslosigkeit und Gleichgültigkeit, egal ob gegenüber Mitmenschen oder der Natur." Sie haben viel Herzlichkeit und Gastfreundschaft erfahren, aber ebenso was es heißt, Fremder zu sein. Aber auch ihr Heimatland sehen sie nun mit anderen Augen. "Man lebt hier doch sehr in einer Blase", sagt Andrea. "Es ist erschreckend, wie wenig man in der Schule über Südamerika und Südostasien lernt, über die Geschichte dieser vielen Länder."

Ihren vorläufig wirklichen Abschluss findet die Weltreise in Göttingen. Dort hat Sven Zimdahl eine Arbeit gefunden, der Umzug steht kurz bevor, einige Kartons sind schon gepackt. In der neuen Wohnung wird die beiden vieles an ihr großes Abenteuer erinnern. Nicht nur die zahlreichen Mitbringsel aus aller Welt, sondern vor allem er: der kleine Ole.

Der Weltreise-Blog der beiden ist nachzulesen unter: www. iddyerobertdiewelt.wordpress.com

   

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