Stendal l Die verunglückte Lesung des Autors und Journalisten Roman Grafe in der Stendaler Comenius-Schule war am Sonnabend eines der Themen beim 21. Altmärkischen Lehrertag, den der Stendaler Kreisverband der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) organisiert hatte. "Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass besonders zu Beginn der Berichterstattung eine Vorverurteilung und vor allem eine Schuldzuweisung im Mittelpunkt standen", sagte der Vorsitzende Sven Oeberst in seiner Begrüßungsrede vor rund 140Lehrern in der Aula des Winckelman-Gymnasiums.

Zunächst hatte Autor Roman Grafe in der "Zeit" über den Vorfall berichtet, bei der eine Lehrerin vor Schülern den Satz geäußert soll, dass einem in einer Diktatur nichts passiere, wenn man sich an die Regeln halte. Anschließend hatte auch die Volksstimme das Thema aufgegriffen.

Vorsitzender: "Lehrer tragen große Verantwortung"

"Wir sind alle nicht dabei gewesen, darum können wir darüber nicht urteilen", sagte Oeberst der Volksstimme. Öffentliche Vorwürfe zu machen und sogar die Entlassung einer Kollegin aus dem Schuldienst zu fordern, statt einer vielseitigen Vermittlung der DDR-Geschichte Raum zu geben, zeuge von Einseitigkeit und Undifferenziertheit in der Geschichtsbetrachtung, sagte der GEW-Kreisvorsitzende vor den versammelten Kollegen. Im Unterricht dürfe es keine Verharmlosung der DDR-Opfer nicht geben. Es müssten jedoch neben objektiven Fakten auch subjektive Erfahrungen einbezogen werden. "Die Erfahrungen von 17 Millionen DDR-Bürgern lassen sich nicht einfach auf die Begriffe Täter, Opfer, Mitläufer vereinheitlichen, sondern sind im Kontext zu erwiesenen Fakten genauso zu erwähnen", sagte Oeberst, der in Bismark an der Sekundarschule unterrichtet. Lehrern komme dabei eine große Verantwortung zu, mit unterschiedlichen Auffassungen umzugehen und den Unterschied zwischen einer freiheitlichen Demokratie und einer Diktatur zu vermitteln.

Schwerpunkt war Umgang mit verhaltensauffälligen Schülern

Im Zentrum der Fortbildungsveranstaltung stand der Umgang mit verhaltensauffälligen Schülern. "Die Zahl steigt deutlich an", sagte Ines Albrecht, die die Veranstaltung organisiert hat. Mittlerweile seien rund 14 Prozent der unter Achtjährigen verhaltensauffällig, sagte die Rektorin der Stendaler Grundschule Petrikirchhof. Um mit der Problematik umzugehen bedürfe es zusätzliche pädagogische Mitarbeiter. Derzeit sei aber das Gegenteil der Fall, sagt Sven Oeberst. "Dringend brauchen wir ein Konzept, wie unsere immer weniger werdenden pädagogischen Mitarbeiter die immer mehr werdenden Aufgaben an den Grundschulen, den Förder- und Sekundarschulen, an den Ganztagsschulen um im Gemeinsamen Unterricht erfüllen sollen." Derzeit sei zu befürchten, dass dieser Mitarbeitergruppe demnächst Teilzeitverträge aufgedrängt werden, wenn Ende 2014 deren Tarifvertrag auslauft, sagte Oeberst.

Gerade hinsichtlich der Erfüllung des Auftrags zur Inklusion, sei dies kontraproduktiv, sagte Ines Albrecht. Um benachteiligte und nichtbehinderte Kinder gleichzeitig unterrichten zu können, bedürfe es zusätzliches Personal.

 

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