Ja, wir sind noch alle da. Ich, mein Mann, meine Freunde, meine Nachbarn, meine Verwandten, meine ehemaligen Lehrer. Wir, die ehemaligen 17 Millionen DDR-Bürger. Wir müssen jetzt genau aufpassen, was wir sagen über unser Leben in der DDR. Nur nichts Positives - man könnte moralisch an die Wand gestellt werden!

Im ZDF lief vor wenigen Tagen der Doku-Zweiteiler "Nicht alles war schlecht". Hier wurden die unterschiedlichen Facetten des DDR-Alltags aufgezeigt. Es sprachen Prominente und "normale" Zeitzeugen. Abschließend wurden alle befragt, was sie über die DDR aus heutiger Sicht denken.

Auch Roland Jahn, heute Bundesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen, wurde in diesem Format als Zeitzeuge interviewt. In der DDR war Jahn als Bürgerrechtler aktiv und musste am eigenen Leibe erfahren, was es bedeutet, im Fokus des Staates zu stehen. Roland Jahn antwortete kurz und bündig: "Ja, wir hatten ein gutes Leben in der DDR. Nicht wegen des Staates, sondern trotz des Staates!"

Und genau das stelle ich mir vor, wenn es heißt, Zeitzeugen sollen meinen Ekelkindern etwas über diese Zeit vermitteln. Es geht nicht nur um eine reine Faktenauflistung wie Roman Grafe es tut. Es geht auch um die Vermittlung alltäglicher Momentaufnahmen, um emotional gefärbte Situationen, um aberwitzige "Überlebens"-Strategien - um unser aller gelebtes normales Leben. Für mich bedeutet das abschließend, dass ich meinen Enkelkindern diese ganze Spannbreite - vom Terror in der DDR bis hin zum Sichwohlfühlen und Spaßhaben - erzählen werde. Roman Grafe kann das nicht!
Helga Mewes,
Lindtorf


Herr Grafe war etwa 20 Jahre alt, als er die DDR verließ. Sehr viele Erfahrungen über "seine Heimat" hat er wahrscheinlich noch nicht gesammelt. Ich habe immer den Eindruck, solche Menschen meinen: DDR ist gleich Stasi. Es war aber längst nicht so. Ich persönlich habe erst nach der Wende erfahren, wie die Stasi gearbeitet hat und fand vieles nicht gut. Aber es war in der DDR längst nicht alles schlecht und ich wünschte das Gute zurück, zum Beispiel Kinderversorgung und -betreuung, Gesundheitswesen, zwischenmenschliche Beziehungen, keine Arbeitslosigkeit und keine hungrigen Menschen.

Herr Grafe sonnt sich wahrscheinlich jetzt in seinem "Ruhm" und die Lehrerin ist angeklagt. Sein Verhalten im Gespräch mit der Frau empfinde ich jedenfalls wie Spitzelei. Und dann beschuldigt er noch die Schulleiterin.

Ich wünschte mir jedenfalls, dass auch mal jemand über die guten Seiten der DDR sprechen würde. Aber wer traut sich das schon? Man müsste höchstwahrscheinlich mit Querelen rechnen.
Gertrud Hopp,
Salzwedel


Ich meine, ein qualifizierter Unterricht zur Geschichte des 20. Jahrhunderts bis zur Gegenwart an den Schulen, eingeschlossen die DDR und die BRD, im Kontext der damaligen politischen Gesamtsituation ist zwingend notwendig.

Selbstverständlich sollten auch seriöse Zeitzeugen und wirkliche Opfer angehört werden können. Trittbrettfahrer und Scharlatane sollte man dafür nicht zulassen, das Thema ist zu ernst und wichtig. Allerdings: Geschichtsaufarbeitung allein ohne Bezug zur Realität der Gegenwart und zu Schlussfolgerungen für die Gestaltung der Zukunft hat nur Unterhaltungswert, denn das zentrale Problem ist immer die reale soziale Situation.
Heinz Zimmermann,
Stendal


In der DDR aufgewachsen (Baujahr 1960), hatte ich in meiner Kindheit und Jugend viel Freude und nie das Gefühl, alleine dazustehen.

Ich war im September 1989, kurz vor dem Mauerfall, bei meinem Vater in Bayern, nachdem mir ein vorher geplanter Besuch durch die damaligen Sicherheitsbehörden untersagt worden war. Trotzdem wäre ich nicht auf den Gedanken gekommen, meine Familie und mein Zuhause für Milka-Schokolade oder Levis oder auch unbegrenzte Reisefreiheit aufzugeben. Was hätte sich denn in unserem Land getan, wenn alle so wie Herr Grafe das Land fluchtartig verlassen hätten. Es war viel mutiger, im Land zu bleiben, als alles stehen und liegen zu lassen und einfach abzuhauen - das ist feige!

Ich möchte nicht so tun, als gab es nicht auch viele unakzeptable Dinge, die damals geschehen sind, auch darüber sollte man nicht schweigen. Die Lebenssituation in der ehemaligen DDR jedoch als unerträglich darzustellen, geht total an der Wahrheit vorbei und vermittelt der Jugend von heute einfach ein falsches Bild.

Die Reaktion auf die Meinungsäußerung der Lehrerin ist übertrieben. Kann man denn auch heute nicht mehr seine Meinung vertreten?!

Man sollte verhindern, dass solche Wichtigtuer wie Herr Grafe ihre uneingeschränkte Meinung auf unsere Jugend projizieren und die Wirklichkeit im Rückblick auf die ehemalige DDR so verklären. Das Thema ehemalige DDR ist viel zu komplex, als dass ein Einzelner mit seiner individuellen Meinung ein realistisches Bild vermitteln kann.
Kerstin Gehrmann,
Jerichow


Ja es gibt sie noch, die Alten, nicht nur als Unterspezies "Lehrer", sondern auch als Eltern, Opas und Omas, nur noch gebraucht als "Zeitzeugen" für zum Beispiel DDR als "Verbrecherstaat" oder "widerliche Geisteshaltung einer Lehrerin an der Comeniusschule" (Volksstimme vom 17. Februar, Lothar Huth, Frankfurt/Main).

Seien wir doch dieser Lehrerin für ihre Spontaneität dankbar. Vielleicht ist dieses Thema DDR so wichtig, dass die Schüler wirklich mal bei ihren Eltern auf den "Busch klopfen" werden. Wo kommen wir eigentlich her, was war das für ein Land?

Das war dort, wo wir Alten mal Kinder waren wie ihr heute. Wir wurden ernst genommen, unsere Kindheit war sorglos und unbeschwert. Vieles war auch nicht gerecht und manches Unbequeme war tabu, aber es bestimmt nicht unser Leben.

Wie es letztlich endete, wissen wir nur zu gut. Aus der Forderung nach Veränderungen und einem Neubeginn des Landes entwickelte sich der bequeme Weg zur D-Mark mit vielen Gewinnern und vielen Verlierern. Jeder mag die DDR anders erlebt haben, entscheidend war immer der Standpunkt und davon gab es viele.

Einen dieser Standpunkte vertritt auch Herr Grafe, der in jungen Jahren vielleicht andere Erfahrungen oder Schlimmes durchgemacht hat. Viele andere und sicher auch die Lehrerin der Comenius-Schule haben eine völlig andere Erlebniswelt. Jeder hat für sich Recht und deshalb müssen wir den jeweils anderen mit seiner Ansicht respektieren.
Michael Rainer Lutzki,
Stendal