Berlin/Altmark l Von Wust in die große Welt ist es nicht weit - mit Auto und Zug ist man in gut einer Stunde mitten in der Hauptstadt. Als neugewählter Bundestagsabgeordneter heißt es für Jörg Hellmuth jetzt "Ankommen in Berlin". Dort schon längst gelandet ist seine älteste Tochter Susanne.

Die 31-jährige Literatur- und Sozialwissenschaftlerin ist politisch aktiv wie ihr Vater. Allerdings für eine andere Farbe - Grün. Und in einem anderen Parlament - in der Bezirksvertretung von Friedrichshain-Kreuzberg (wo übrigens mehr Menschen leben als in der gesamten Altmark). Überdies hat Susanne Hellmuth in Berlin schon ein paar politische Karriereschritte hinter sich - sie ist Vorsitzende des Ausschusses für Frauen, Gleichstellung und Queer. Solch einen Ausschuss gibt es in der Altmark nicht. Selbst der Begriff "queer" (für homosexuell) hat sich hier noch nicht durchgesetzt. An diesem Sonntag ist ihr etwas gelungen, was ihr Vater so schnell kaum schaffen dürfte: Sie ist auf der Titelseite des "Tagesspiegel", der in diesen Tagen gerade damit wirbt, das Medium der politischen Hauptstadt zu sein beziehungsweise zumindest werden zu wollen.

Nicht nur das: Susanne Hellmuths Name steht nicht einfach so auf der Titelseite. Nein, die Grünen-Politikerin ist ins Visier von Star-Kolumnist Harald Martenstein geraten. Jenem Martenstein, wegen dessen Texten manche den Tagesspiegel überhaupt kaufen beziehungsweise mit denen sie zumindest ihre Zeitungslektüre beginnen.

Mit einem Wort bei Martenstein

Wer es dorthinein schafft, muss schon etwas Besonderes vorweisen. Bei Susanne Hellmuth war es eine Initiative ihres Bezirksparlaments für das Verbot von sexistischer Werbung. Martenstein hatte die Kreuzberger Bezirkspolitiker daraufhin mit den Taliban verglichen, "weil sie im öffentlichen Raum Bilder verbieten möchten, die ihren politischen Vorstellungen nicht entsprechen".

Susanne Hellmuth kontert in einem offenen Brief auf der Internet-Seite der Zeitung. Sie löst damit eine Debatte aus, an der sich fast 200 aktiv beteiligen. Ein Wort ihrer Zeilen schafft es auch in Martensteins Kolumne: Talibankämpfer*innen.

Nun muss man an dieser Stelle zumindest den Unterschied zwischen A wie Altmark, B wie Berlin und F wie Friedrichshain-Kreuzberg ein wenig erklären: In der Stendaler Kreisverwaltung schreibt man, wenn man auf Geschlechtsneutralität bedacht ist, "Antragsteller und Antragstellerinnen". In Berlin, zumindest dort, wo Rot-Grün deutlichere Spuren hinterlassen hat, heißt es "AntragstellerInnen", in Friedrichshain-Kreuzberg sogar "Antragsteller*innen". Martenstein erklärt diese Praxis seines "Lieblingsparlaments" den restlichen Berliner Lesern (die Volksstimme belässt es übrigens bei einem Geschlecht) so: "Das Sternchen soll alle Menschen symbolisieren, die sich weder als Mann noch als Frau empfinden. Diese Menschen sollen sich sprachlich nicht ausgeschlossen fühlen."

Keine Frauen bei den Talibankämpfern

Doch Talibankämpfer*innen? Da gibt der Kolumnist der jungen Grünen-Frau ein wenig Nachhilfe: "Liebe Frau Hellmuth, bei den Talibankämpfern gibt es leider gar keine Frauen. Frauen dürfen bei denen nicht mal eine Schule besuchen, geschweige denn ein Gewehr in die Hand nehmen und andere totschießen. Leute totschießen ist bei den Taliban leider immer noch ein männliches Privileg. Und sollte ein queerer Talibankämpfer auf die Idee kommen, sich zu outen, dann machen die den vermutlich sofort kalt."

Sie könne also "ganz sorglos" von "Talibankämpfern" sprechen, "Sie tun damit keinem weh", rät ihr Martenstein. Überhaupt: Wenn sie statt von "schwangeren Bürger*innen" einfach von "Schwangeren" spreche, "fühle ich mich als Mann nicht zurückgesetzt".

Sollte er damit "zur Vereinfachung der Verwaltungssprache beigetragen haben, würde mich dies freuen", schließt der Kolumnist.

Was die Medienpräsenz angeht, steht es im Hause Hellmuth seit Sonntag 1:0. Beim Blick auf die Bundesligapartien vom Sonnabend wissen wir ja, dass ein Ball aber auch schon mal im eigenen Netz landen kann. In der Politik kommt es hierbei eben auf die richtige Wortwahl an.