In Stendal geboren und aufgewachsen und dann in die weite Welt hinaus gezogen. Wer seine Heimat verlässt, will nicht um jeden Preis weg - aber es zieht ihn woanders hin. In unserer Serie "Stendaler in aller Welt" stellen wir solche Menschen vor. Heute: Jana Schumann (29), Turks and Caicos Islands (Karibik).

Volksstimme:Durch welche Umstände kamen Sie dorthin, wo Sie jetzt sind?

Jana Schumann: Meine Reiselust hat früh angefangen und mit zwölf wusste ich, dass ich mal in einem Hotel arbeiten möchte. Nach der 10. Klasse bin ich für ein Jahr nach Brasilien zum Schüleraustausch und nach dem Abitur zur Hotelfachausbildung nach Wien. Während der Ausbildung bin ich so oft wie möglich gereist. Nach sechs Monaten als Trainee in Phuket in Thailand habe ich für 18 Monate ein Management-Programm in Los Angeles gemacht. Danach bin ich durch Zufall auf die Malediven und in die Luxushotellerie gekommen. Aber nach einem Jahr auf einer Insel, die nur einen Kilometer lang und 200 Meter breit ist, hatte ich genug und hab mir geschworen: Nie wieder auf eine kleine Insel.

Volksstimme: Und nun sind Sie doch wieder auf einer kleinen Insel: Providenciales, die zu den Turks and Caicos Islands gehört...

Schumann: Haha, ja, und seitdem mache ich auch keine Pläne mehr. Von den Turks and Caicos Islands (TCI) habe ich vorher, so wie wohl die meisten Menschen, noch nie gehört. TCI ist ein britisches Überseegebiet in der Karibik, östlich von den Bahamas und nördlich von Kuba - oder eineinhalb Stunden Flug von Miami.

Volksstimme: Und was ist Ihre Arbeit dort?

Schumann: Ich arbeite für Aman-Resorts, eine der besten Hotelgruppen der Welt, und speziell Amanyara, eines der besten Resorts in der Karibik - definitiv Nummer eins, wenn man nach der teuersten Hotelnacht geht: über 2000 Dollar im Doppelzimmer oder 15000 Dollar die Nacht für eine Fünf-Zimmer-Villa am Strand. Dementsprechend kann man sich die Gästeliste vorstellen: Hollywood-Stars, Sänger und Sängerinnen, Bosse großer Firmen und die Forbes-Liste rauf und runter oder Supermodels.

Volksstimme: Sie treffen also die High Society?

Schumann: Es ist wirklich Wahnsinn, wen man hier alles trifft. Und mit meinem Job als Guest Relations Manager bin ich natürlich mittendrin. Ich begrüße jeden Gast persönlich und bin im Allgemeinen dafür zuständig, dass es jedem Gast gut geht, alle Erwartungen übertroffen werden und er wieder zurückkommt oder uns weiterempfiehlt. Ich muss jeden Gast mit Namen kennen und am besten alle Vorlieben von vegetarisch über Daunenfedern bis zur Zimmernummer, die nicht auf 13 enden darf. Ich bin außerdem für alle Events, Hochzeiten, Fotoshootings und so weiter zuständig - von der Planung bis zur Ausführung. Von der Arbeit kann ich mir nichts Besseres und Spannenderes vorstellen. Aber es ist nicht immer alles rosig im Paradies: Wir arbeiten sechs Tage die Woche, mindestens zehn Stunden am Tag und Weihnachten hab ich seit 2005 nicht mehr gefeiert.

Volksstimme: Fühlen Sie sich fremd?

Schumann: Man ist und bleibt immer "Die Fremde", zusammen mit den anderen "Fremden" auf der Insel, und ist nie richtig zu Hause. Nach einem langen Nomadenleben und ständigem Wohnort- und Kontinentwechsel hört man auf, sich mit Einheimischen anzufreunden und bleibt eher mit den anderen Fremden oder Expats zusammen. Und alle haben die gleichen "Probleme": Jedes Jahr vermisst man Feiertage mit der Familie, Geburtstage von Freunden, Hochzeiten, Geburten... Und jedes Jahr, wenn man "nach Hause" kommt, fühlt man sich nur als Besuch. Mit den deutschen Sprachkenntnissen wird es immer schwieriger, da ich es so selten spreche. Wir sind etwa 15 Deutsche auf der Insel, aber wir reden nur Englisch.

Volksstimme: Was vermissen Sie aus Ihrer Heimat?

Schumann: Ich vermisse Jahreszeiten, kann aber auf den monatelangen Winter verzichten. Habe auch seit 2008 keinen Winter mehr gehabt. Im Juni komme ich für ein paar Tage nach Hause, und am meisten freue ich mich auf Mamas Essen: die gute, alte Hausmannskost. Und Juni ist Spargelzeit! Ich vermisse auch Fahrradfahren und Sommerabende mit Grillfeiern und deutschem Bier.

Volksstimme: Sind Sie jemand, der immer wieder woanders sein muss? Oder wollen Sie irgendwann an einem Ort ankommen, bleiben?

Schumann: Nach so vielen Jahren als Nomade ist es schwer, Wurzeln zu fassen, und ich weiß noch nicht, wo ich nächstes Jahr hingehen werde. Vielleicht zurück nach Asien? Oder sogar Europa? Aber egal, wohin es auch gehen wird, ich habe mittlerweile in so vielen Kulturen gelebt, dass ich in allen Situationen zurechtkomme und mich sehr schnell einlebe.

Das Interview führte Nora Knappe per E-Mail.

   

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