Stendal l Wer Opfer einer Straftat wird, der muss oft selbst zusehen, wie er damit fertig wird. In längst nicht allen Fällen führt der erste Weg sofort zur Polizeidienststelle. Vor allem bei Sexualdelikten oder häuslicher Gewalt ist zunächst die Hemmschwelle groß, sich den Behörden anzuvertrauen.

An dieser Stelle beginnt die Arbeit des Weißen Rings. Der gemeinnützige Verein hat es sich zur Aufgabe gemacht, Opfern von Kriminalität zur Seite zu stehen, persönlichen Beistand ebenso wie praktische Hilfe zu leisten. Am heutigen Tag der Kriminalitätsopfer, der vom Weißen Ring im Jahr 1986 initiiert wurde, soll auf die schwierige Situation der Betroffenen aufmerksam gemacht werden.

Und davon gibt es eine ganze Menge. Allein in Sachsen-Anhalt betrug die Zahl der vom Weißen Ring registrierten Opferfälle im vergangenen Jahr 289 - knapp fünfzig mehr als 2012. Bei der Art der Delikte stehen Nötigung, Bedrohung und Körperverletzung an oberster Stelle.

Obwohl in und um Stendal selbst die polizeilich erfassten Straftaten im Jahr 2013 insgesamt zurückgegangen sind (die Volksstimme berichtete), dürfen die absoluten Zahlen nicht verharmlost werden. Laut Polizeistatistik gab es 2013 insgesamt 1275 Rohheitsdelikte - das entspricht 3,5 pro Tag. Zumal es eine nicht unerhebliche Dunkelziffer von Gewaltakten geben dürfte, die niemals an die Polizei herangetragen werden.

Rund um die Uhr auf dem Handy erreichbar

"Jedes Opfer ist eines zu viel", sagt Christel Stoldt im Hinblick auf die Statistiken, bei der jede Zahl für ein tragisches Einzelschicksal stehe. Die 63-Jährige ist Außenstellenleiterin des Weißen Rings im Landkreis Stendal und eine von 128 ehrenamtlichen Mitarbeitern im Bundesland. Rund um die Uhr ist sie über ihr Handy zu erreichen, von dem aus sie die eingehenden Fälle streng vertraulich - und auf Wunsch anonym - an ihre sechs Mitarbeiter delegiert.

Nicht selten bleibt der Kontakt zwischen Hilfesuchendem und Betreuer monatelang bestehen. Denn ein einziges Telefonat genügt nicht, um ein hochtraumatisches Erlebnis wie eine Vergewaltigung zu verarbeiten und die dadurch entstandenen seelischen Wunden zu heilen.

Neben der Telefonarbeit nimmt Christel Stoldt regelmäßig Termine in Schulen, Vereinen und bei Seniorengruppen wahr. Hält dort Vorträge zur Vorbeugung und Prävention, sensibilisiert ihre Zuhörer für das Thema Kriminalität.

Mit dem Weißen Ring ist Stoldt auch in der Projektgruppe "Gemeinsam gegen Gewalt" aktiv - einem Netzwerk, an dem sich neben dem Polizeirevier Stendal, dem örtlichen Frauenhaus und dem Verein Miß-Mut auch der Soziale Dienst der Justiz beteiligt.

Wer sich an dessen behördliche Opferberatungsstelle am Mönchskirchhof wendet, findet bei Margit Hopp ein offenes Ohr. Schon 20 Jahre ist sie beim Sozialen Dienst tätig, seit 2007 als Opferschutzbeauftragte zuständig für die Altmark und das Jerichower Land.

"Vor allem in den ersten Tagen trauen sich viele Opfer kaum vor die Tür, sodass ich viele Hausbesuche machen muss", erzählt sie. Allein in diesem Jahr hatte sie bereits 35 Fälle auf dem Schreibtisch. Etwa die Hälfte davon dreht sich um Sexual- und Körperverletzungsdelikte.

Die Rückkehr zur Tagesordnung sei nicht immer ganz einfach, denn die intensiven Gespräche erfordern eine hohe Sensibilität. "Nach Tagen, die mich besonders belastet haben", fügt Hopp hinzu, "steige ich aufs Rad und fahre 25 Kilometer, um den Kopf freizubekommen."

Betroffene erfahren individuelle Beratung

Für die Zukunft wünscht sich Margit Hopp, dass Polizei und Gerichte den Opfern mehr Aufmerksamkeit entgegenbringen, Betroffene öfter an den Sozialen Dienst verwiesen werden. "Viele wissen gar nicht, dass sie bei uns Hilfe erhalten können." Diese Unterstützung sei im Übrigen opfer- und situationsbezogen. "Bei uns wird nicht nur ein standardisiertes Formular ausgefüllt."

Darauf, dass die Opferberatungsstelle in Stendal keine unpersönliche Amtsstube ist, deutet schon das gemütliche Sofa im Büro im Margit Hopp hin. "Die Betroffenen fühlen sich sichtlich wohler, wenn sie hier ein wenig Wohnzimmeratmosphäre vorfinden", erzählt die 61-Jährige.

Ein eigenes Büro hat die Außenstelle des Weißen Rings von Christel Stoldt nicht. Für Miete und Betriebskosten würden die für den Verein so wichtigen Spendengelder und Mitgliedsbeiträge beansprucht werden. "Die Investition in die direkte Hilfe der Betroffenen ist uns wichtiger", so Stoldt.

Ob Stoldt oder Hopp, Verein oder Behörde - mit großem Engagement leisten beide Frauen einen Beitrag dafür, dass Opfer von Gewalttaten das ihnen Widerfahrene verarbeiten und zurück ins Leben finden.