Hunderte Leben rettete der ehemalige Urologe bei seinen Hilfseinsätzen in Afrika und Asien. Die nächsten Reisen sind schon geplant.

Stendal l Als er das erste Mal nach Sierra Leone kam, bot sich Dr. Michael Kühn ein ungewohntes Bild. Das Krankenhaus - wenn man es denn so nennen wollte - befand sich in einem primitiven Zustand. Kein Strom, kein Licht, keine Kühlmöglichkeit. Dass man unter diesen Bedingungen Menschenleben retten kann, schien kaum vorstellbar.

Mehr als 20 Jahre war Michael Kühn Chefarzt der Urologischen Klinik am Johanniter-Krankenhaus in Stendal. Nun befindet er sich im Vorruhestand, doch die Berufung, kranken Menschen zu helfen, ist geblieben. "Vor allem die direkte Arbeit am Patienten habe ich vermisst. Als Chefarzt hat man so viel anderes um die Ohren", erzählt er.

Vor zwei Jahren fasste Kühn deshalb den Entschluss, ins Ausland zu gehen und dort zu helfen, wo er am dringendsten gebraucht wurde. Sieben Wochen verbringt er für den Verein "German Doctors" an der Westküste Afrikas. Schon die Anreise war ein Abenteuer, denn sein Koffer ging verloren. "Seitdem trage ich Bart", scherzt der 64-Jährige.

Die medizinische Einrichtung von Serabu, ein kleiner Ort im Südosten von Sierra Leone, stellt für 50000 Menschen die einzige Anlaufstelle dar, wenn sie gesundheitliche Beschwerden haben. "Vom Kaiserschnitt bis zum Knochenbruch gibt es da natürlich immer etwas zu tun", erinnert sich Kühn.

Behandlungen rund um die Uhr

Als einziger Arzt mit chirurgischen Kenntnissen ist er rund um die Uhr im Einsatz und operiert nachts mit Stirnlampe am Kopf. Skalpelle und sonstiges Instrumentarium werden im Kochtopf über einem Feuer sterilisiert. Not macht erfinderisch. Als Kühn nach sieben Wochen aufopfernden Einsatzes nach Deutschland zurückkehrt, sagt er sich: "Das machst du nicht wieder."

Doch es kommt anders. Schon ein Jahr später reiste er wieder nach Serabu. Inzwischen arbeiten dort sechs Ärzte, eine Solaranlage liefert Strom, und ein Kühlschrank hält neben Blutkonserven auch das Bier auf Temperatur. "Dank Spenden und dem unermüdlichen Einsatz von Hilfsorganisationen tut sich vor Ort unglaublich viel", weiß Kühn und beschreibt seinen zweiten Aufenthalt in Sierra Leone als deutlich weniger strapaziös.

Ebenfalls im vergangenen Jahr führt der Weg des Mediziners nach Nepal. Seine Frau Christine begleitete ihn. Neben Frakturen sind es dort Malaria-Erkrankte, die versorgt werden müssen. Trotz Dolmetscher kommt es immer wieder zu Verständigungsproblemen, denn nicht alle Patienten können ihr Leiden beschreiben. "Viele klagten über einen Ganzkörper-Schmerz. Als Arzt für Notfälle tut man sich damit natürlich schwer", beschreibt Kühn seinen Arbeitsalltag.

In diesem Jahr war er bereits in Kenia. Weitere Einsätze in China und Ghana sind bereits geplant. Ein Ende sei nicht Sicht. "Solange ich kann, werde ich helfen", entgegnet Kühn trocken und fügt nahtlos seine Motivation für die mitunter kräftezehrenden Unternehmungen an: "Es macht Spaß, gebraucht zu werden."

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