Wenn Säuglinge häufiger und ausdauernder schreien als ihre Altersgefährten, machen sich Eltern häufig Sorgen. Helfen kann die Schrei-Baby-Ambulanz in der Stendaler Kinderklinik, die seit fünf Jahren besteht.

Stendal l Der kleine Schreihals liegt auf Mamas Bauch, Gerd Poerschke streichelt sanft über seinen Rücken. Langsam kehrt Ruhe ein. Mit Entspannung begegnet Poerschke der inneren Unruhe seiner kleinen Patienten. Der Diplom-Psychologe leitet die Schrei-Baby-Ambulanz in Stendal.

"Das ist ein Superangebot für Eltern, bei deren Kindern sich kein organischer Befund findet", schätzt Dr. Hans-Peter Sperling, Chefarzt der Frauen- und Kinderklinik, ein und fügt an: "Das ist eine sinnvolle Ergänzung, wenn wir mit der Schulmedizin an Grenzen kommen." Die Probleme der kleinen Schreihälse, mit denen die Eltern zu Poerschke kommen, haben nämlich in der Regel keine körperlichen Ursachen. Sie sind vielmehr emotional begründet. So können sich auf der einen Seite Partnerschaftsprobleme während der Schwangerschaft auf das Kind übertragen und zu einem sogenannten Bindungsabbruch führen ebenso wie ein Schicksalsschlag in der Familie, der die werdende Mutter belastet. Auf der anderen Seite, so Poerschke, können "bedrohliche Erfahrungen" bei der Geburt die Winzlinge aus dem seelischen Gleichgewicht bringen. Dieses Gleichgewicht will Poerschke in seinen Sitzungen wieder herstellen, die er in Stendal nach Terminvereinbarung immer dienstags abhält.

Physiotherapeutin steht in den Startlöchern

Etwa 80 Familien nutzten in den vergangenen fünf Jahren die Schrei-Baby-Ambulanz in Stendal. Solch eine Einrichtung sei für eine Stadt von der Größe Stendals eine Rarität, macht Sperling klar. Sie seien vornehmlich in Metropolen wie Berlin und Hamburg angesiedelt. Eine Kooperation mit der Fachhochschule in Stendal, an der Poerschke einen Lehrauftrag besaß, ermöglichte den Betrieb.

Doch dieser Lehrauftrag lief im Vorjahr aus. Da die Schrei-Therapie keine Krankenkassenleistung ist, stand die Ambulanz plötzlich vor einen Finanzloch und damit vor der Frage "Sein oder Nichtsein?", wie es Kathrin Müller formuliert. Die Jugendamtsleiterin fügt an: "Wir als Kreis wollten das Angebot für die frühe Hilfe aufrecht erhalten. Und wir haben einen Weg gefunden." 14000 Euro stellt der Landkreis in diesem Jahr zur Verfügung. Damit ist die Behandlung in der Schrei-Baby-Ambulanz für Kinder aus dem Kreis Stendal kostenfrei. Auch Eltern aus Nachbarkreisen können die Ambulanz besuchen, doch müssen sie die Kosten selbst begleichen beziehungsweise auf Unterstützung durch ihren Landkreis setzen.

Fünf bis sechs Treffen veranschlagt Poerschke für ein Kind, mitunter gibt es auch zehn. Der Psychologe aus dem brandenburgischen Kleinmachnow, der nicht nur in Stendal praktiziert und zudem Weiterbildungen deutschlandweit sowie in der Schweiz, in Österreich und Portugal veranstaltet, hat schon extreme Fälle erlebt. So Kinder, die am Tag sechs bis acht Stunden geschrien haben. "Bei einem Säugling waren es gar 18 Stunden. Er hat nicht mehr zugenommen, weil er keine Zeit zum Trinken fand", erzählt er.

So arg war es bei Jaron aus Stendal nicht. "Aber ich empfand es schon als heftig", erinnert sich Anika Rothenbeck an die ersten Lebensmonate ihres Sohnes, der es vor drei Jahren recht eilig hatte und vier Wochen vor dem errechneten Geburtstermin an das Licht der Welt drängte. Vieles habe sie versucht, um seinem Schreien auf den Grund zu kommen und es zu reduzieren. Irgendwann stieß sie auf einen Flyer der Schrei-Baby-Ambulanz. "Schon nach dem ersten Besuch war Jaron merklich entspannter. Uns hat die Ambulanz geholfen", resümiert sie. Inzwischen wandelt die Physiotherapeutin auf Poerschke Spuren. Sie besucht eine Weiterbildung zur Schrei-Therapie und spielt mit dem Gedanken, einmal die Tätigkeit Poerschkes in Stendal zu übernehmen.