Mit dem rollenden Klassenzimmer für Schausteller- und Zirkuskinder hat der Förderverein "Mobile Schule Sachsen-Anhalt" in 17 Jahren gute Erfahrungen gemacht. Weil die zusätzliche Unterstützung reisender Schüler weitergehen sollte, investierte der Verein 31 000 Euro in ein neues Mobil. Und das wurde jetzt am zentralen Anlaufplatz in Tangerhütte eingerichtet.

Tangerhütte l Während die vier vom Land geförderten Bereichslehrer im Projekt "Mobile Schule" Bücherkisten in das neue, mit bis zu acht Lernplätzen, einer Fußbodenheizung und Klimaanlage ausgestattete Schulmobil einsortieren, berichten sie von den Erfahrungen, die sie in den vergangenen Jahren machen durften. Alle vier sind von Haus aus Mathelehrer, decken unterwegs aber alle Fächer mit ab. Und sie haben Freude an dem, was sie tun. Von Hausaufgabenbetreuung im privaten Schaustellerwohnwagen und von den großen und kleinen Sorgen, die Kinder aus unterschiedlichen Bundesländern mitbringen, wenn die großen Volksfeste stattfinden, erzählen sie.

"Wir sind zur Unterstützung da, zur Hausaufgabenbetreuung oder einfach um zu sehen, wo es hapert", sagt Bernd Otto (Stendal/Salzwedel). Er ist einer der langgedienten Lehrer im Schulmobil und unterrichtet hauptsächlich an der Tangerhütter Gemeinschaftsschule. Kollegin Angela Giese (Dessau/Wittenberg) ist sogar "Mobil-Schul-Lehrerin" der ersten Stunde. Sie sammelte damals erste Erfahrungen in den Niederlanden. Dort müsse der Staat für alle - auch für reisende - Kinder ein funktionierendes Schulsystem stellen, auch mit muttersprachlichen Lehrern, berichtet sie. Ganz neu als Bereichslehrer in der mobilen Schule ist Peter Kerner (Harz/Magdeburg), der die Herausforderungen liebt, aber auch Anja Voigt (Halle/Saalekreis) gehört zum Team.

1997 war Sachsen-Anhalt mit der "mobilen Schule" Vorreiter

Kinder von Schausteller- und Zirkusfamilien reisen von klein auf viel. Häufige Schulwechsel und große Unterschiede im Bildungssystem stellen diese Schüler oft vor zusätzliche Probleme. Aus eigener Erfahrung, auch mit seinen Kindern heraus, initiierte der Vorsitzende des Fördervereins "Mobile Schule", Werner Jacob, einst das "rollende Klassenzimmer".

1997 ging es an den Start, im vergangenen Jahr hatte das bisherige Fahrzeug ausgedient. "Das Projekt sollte aber weitergehen, dafür hat sich der Förderverein `Mobile Schule` stark gemacht", sagt Werner Jacob. Der Tangerhütter, der selbst aus einer alten Schaustellerfamilie stammt und auch Vorsitzender des Altmärkischen Schaustellervereines ist, engagiert sich seit vielen Jahren sehr für seinen Berufsstand.

Gemeinsam mit Schaustellerpfarrer Klaus Biel und der Unterstützung des damaligen Kultusministers Karl-Heinz Reck wurde das System der rollenden Schule aufgebaut. Als die "mobile Schule" begann, nahm Sachsen-Anhalt damit eine Vorreiterrolle ein. In den alten Bundesländern war es üblich, Schaustellerkinder ins Internat zu schicken oder "sich selbst durchwursteln" zu lassen, wie Werner Jacob sagt. Heute gibt es ähnliche Konzepte wie die "Mobile Schule" in den meisten Bundesländern.

Das neue, rollende Klassenzimmer wird von den Schaustellervereinen, die es als nächstes brauchen, von einem Ort an den nächsten gebracht, ein selbstorganisierendes System, das bisher gut funktioniert. Zu den größeren Volksfesten in Sachsen-Anhalt gehören die Eislebener Wiese oder der Havelberger Pferdemarkt. Bis zu 30 schulpflichtige Kinder sind dann jeweils vor Ort.

Sie besuchen immer wieder andere Schulen, haben aber in ihrem Schultagebuch von ihren Stammschulen zu Hause ein umfangreiches Aufgabenpaket dabei. Damit die Kommunikation zwischen den Schulen klappt, Lücken und Sorgen geortet und behoben werden können, sind die Lehrer der mobilen Schule an wechselnden Orten Ansprechpartner. Die Route für das rollenden Klassenzimmer wird dabei vor jeder Saison von den Schaustellervereinen gemeinsam festgelegt, erläutert Werner Jacob.

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