Von 1944 bis 1945 war Marga Schouten als Flüchtlingskind in Möringen untergebracht. Nun, knapp 70 Jahre später, besuchte sie mit ihren Kindern das Dorf in der Altmark wieder. Ortsbürgermeisterin Christina Jacobs zeigte ihr den Ort.

Möringen l Es war das letzte Jahr des Krieges, eine schlimme Zeit, Marga Schouten erlebte in Möringen aber dennoch so etwas, was sie glückliche Kindertage nennen kann. Mit fünf Jahren kam sie gemeinsam mit ihrer Mutter und der eineinhalb Jahre älteren Schwester aus Kleve in die Altmark. "Kleve wurde stark bombardiert. Deshalb sind wir von dort weggegangen. Mit dem Lastwagen ging es bis Oberhausen und von dort aus im offenen Lastwagen nach Möringen. Im September 1944 kamen wir an. Am 7. Oktober war das große Bombardement auf Kleve", erinnert sich Marga Schouten, die heute wieder in Kleve lebt.

"Wenn Tanz war, stellten wir uns auf Zehenspitzen und sahen von außen durch die Fensterscheiben in den Saal"

Marga Schouten

Viele Begebenheiten aus ihrem Jahr in Möringen (im Spätsommer 1945 verließ die Familie das Dorf wieder) sind der 75-Jährigen noch heute im Gedächtnis. Immer wieder erzählte sie diese Erlebnisse ihren Kindern, erwähnte dabei auch, dass sie gern alles noch einmal sehen möchte. Als im vorigen Jahr das Weihnachtsfest näher rückte, hatte Sohn Peter Schouten die Idee, gemeinsam mit den Geschwistern Bernd Schouten und Sabine Jansen, geborene Schouten, der Mutter eine Reise nach Möringen zu schenken. Zunächst nahm Peter Schouten via Internet Kontakt zur Hansestadt Stendal auf. Schnell entstand so der Kontakt zu Ortsbürgermeisterin Christina Jacobs.

Vor wenigen Tagen war es soweit. Marga Schouten mit Sohn Peter und Tochter Sabine waren in Möringen zu Gast. Christina Jacobs gestaltete ein umfangreiches Programm, um dem einstigen Flüchtlingskind Möringen wieder nahe zu bringen. Vom Sportplatz aus ging es mit einer Kutsche durch den Ort. Den ersten Halt machten die Gäste zwei Häuser neben der Gaststätte Ulbrich. Das kleine Haus aus roten Ziegeln erkannte Marga Schouten sofort wieder. In einem einzigen Zimmer war damals die kleine Familie aus Kleve dort untergebracht. Auch an die Gaststätte erinnert sich Schouten noch genau. "Wenn Tanz war, stellten wir uns auf Zehenspitzen und sahen von außen durch die Fensterscheiben in den Saal."

Weiter ging die Kutschfahrt über die historische Heerstraße, vorbei an der Postmeilensäule und dem einstigen Standort eines Gasthauses, in dem die preußische Königin Luise nächtigte. Die historischen Fakten stellte Dr. Josef Gottwald zur Verfügung. Der Möringer wollte die Gäste persönlich durch das Dorf führen, krankheitsbedingt musste er aber darauf verzichten.

"Es ist außergewöhnlich, wenn jemand, der in einer schlimmen Zeit fünf Jahre alt war, sich gern an einen Ort erinnert "

Christina Jacobs

Weitere Stationen waren das Sühnekreuz und die einstige Wehr- und Wallfahrtskirche. Gemeindekirchenratsvorsitzende Ingrid Wäsche führte durch das Gotteshaus und die im Turm befindliche Ausstellung zur Glockensanierung vor zehn Jahren. Es folgte die Besichtigung der Parkanlage des einstigen Rittergutes.

"Wir freuen uns über diesen Besuch. Es ist außergewöhnlich, wenn jemand, der in einer schlimmen Zeit fünf Jahre alt war, sich gern an einen Ort erinnert", ist die Ortsbürgermeisterin beeindruckt. Die Anfrage nach einem Besuch gab sie an den Frauenkreis der Kirchengemeinde weiter. "Dort konnte man sich auch an sie erinnern", berichtet Jacob. Aber Spielgefährten von einst gibt es nicht mehr.

Gut erinnert sich Marga Schouten an den taubstummen Jungen Alwin oder an die Einschulung ihrer Schwester in Möringen. Besonderen Spaß hatte sie jedesmal, wenn sie "Tante Walli", der Frau, in deren Haus sie untergekommen war, beim Zerdrücken der gekochten Kartoffeln für die Schweine half. "Ich mochte es, wenn der warme Kartoffelbrei durch meine Finger quoll."

Die Erzählungen des einstigen Flüchtlingskindes bringt auch einen neuen Eintrag in die Ortschronik. So wussten die Möringer bislang nicht, dass schon jemand mit einem Schlitten Einzug in die Kirche hielt. "Ich wollte Tante Walli vom Gottesdienst abholen", erzählte Schouten. Es lag Schnee. So machte sich das Mädchen mit dem Schlitten zur Kirche auf. Dort wartete es eine Weile. "Aber dann wurde mir kalt und da bin ich einfach mit dem Schlitten rein in die Kirche", schildert Schouten.

Im Februar 1945 besuchte der Vater die Familie in der Altmark. Es war das letzte Wiedersehen, denn nur wenige Wochen vor Kriegsende ist er gefallen, so Schouten. Im August/September 1945 verließen die Schoutens Möringen. Die Familie wollte zurück. Zunächst ging sie nach Oebisfelde. Dort watete sie durch die Aller über die Besatzergrenze. "Ich war die letzte von uns. Ich saß kauernd im hohen Gras und wartete darauf, dass ich geholt werde", erzählt die 75-Jährge. In Kleve musste sie feststellen, dass das Haus durch Bomben zerstört wurde. Bei den Großeltern fand die Familie eine Bleibe.

"Nun werden wir die vielen Eindrücke aus Möringen sacken lassen. Vielleicht kommen wir wieder und besuchen dann auch Oebisfelde", berichtet Peter Schouten.