Mit jungen Altmärkern über Politik sprechen, das haben 13 Kommunalwahlkandidaten gestern beim "Speed-Dating" an den Berufsbildenden Schulen Stendal ausprobiert.

Stendal l "Möchtet Ihr in der Altmark bleiben?", fragt Carola Stallbaum von der Wählervereinigung "Landwirte für die Region" die Fachgymnasiasten der Berufsbildenden Schulen Stendal (BBS II). Für die 16-jährige Ann-Christin Sprenger war die Frage schnell beantwortet: "Nein, Stendal ist nicht attraktiv genug, um hier zu bleiben."

Was ist da schief gelaufen? Warum wenden junge Leute der Altmark den Rücken zu? Um herauszufinden, was der Jugend in ihrer Heimat fehlt, hat die Volksstimme in Kooperation mit dem BBS-Fachgymnasium Stendal das Jungwählerprojekt "Altmark 2020" ins Leben gerufen. Zwei Wochen hatten die Schüler Zeit, Fragen an Politiker vorzubereiten, die sie beim "Speed-Dating" diskutieren wollten.

Besserungsbedarf bei der Verkehrsanbindung

Viele der Elftklässler stört der unzureichende Linienbusverkehr. Einige von ihnen sind bis zu zwei Stunden unterwegs, um zur BBS zu gelangen. "Der Bedarf muss zunächst mal ermittelt werden, um etwas verbessern zu können", sagt Stallbaum. "Notfalls müssen wir Taxen einsetzen, um den Bedarf zu decken", schlägt Osterburger Bürgermeister Nico Schulz (CDU) vor. Dafür müsse der Landkreis Stendal dann zusätzlich Geld in die Hand nehmen.

Richtig viel Geld kostet nach Ansicht der Linken-Bundestagsabgeordneten Katrin Kunert jeder Tag, an dem die A 14 nicht weitergebaut wird. Auf die Frage der Schüler, wie wichtig die erweiterte A 14 für die Altmark ist, erwähnt sie, dass ihre Partei damals statt der Autobahn für den vierspurigen Ausbau der B 189 gestimmt habe. Das konnte sie jedoch nicht durchsetzen. "Jetzt, wo schon an der A 14 gebaut wird, gibt es kein Zurück mehr", so Kunert. Darum ist sie für eine rasche Fertigstellung der Trasse. Das sahen die meisten der anwesenden Kandidaten ähnlich.

"Wo würden Sie eine Million Euro sinnvoll investieren", will Angelique Czichy vom CDU-Landtagsabgeordneten Hardy Peter Güssau und SPD-Kreistagskandidaten Lars Schirmer wissen. Schirmer würde damit einen Parkplatz für die Bahnhaltestelle an der Stendaler Hochschule finanzieren. "Eine Million ist im Haushalt einer Stadt wie Stendal nicht viel Geld", meint Güssau. Das würde nicht mal reichen, um das Theater für ein Jahr zu fördern.

Solche Kultur- und Freizeitangebote sind den Jugendlichen ebenfalls wichtig. Defizite sehen sie bei Sport- und Musikveranstaltungen sowie Diskotheken. Konkrete Vorschläge, dieses Angebot zu erweitern, kamen jedoch von keinem der Politiker. Die Thematik geht mit der Frage der Schüler einher, wie mehr Touristen in die Altmark gelockt werden können. Linken-Kreistagskandidat Mario Blasche will für dieses Ziel den Fahrrad- und Reittourismus ausbauen. Außerdem bemängeln die Schüler das bescheidene Angebot an Einkaufsmöglichkeiten in der Altmark.

Der FDP-Kreistagskandidat Marcus Faber stimmte dem zu: "Die Innenstädte müssen attraktiver werden, weil die Kaufkraft besonders hier zurückgeht." Selbst eine bekannte Bekleidungskette wollte sich in Stendal nicht ansiedeln, weil die Kaufkraft als zu gering bewertet wurde. Die Leute fahren nach seiner Erfahrung lieber in die nahegelegenen Großstädte wie Braunschweig oder Magdeburg.

Jugend hinterfragt Schulschließungen

"Warum schließt in der Altmark eine Grundschule nach der anderen?", möchte Hannah Klein von den Kommunalpolitikern wissen. "Einige Schulen können aufgrund sinkender Schülerzahlen nicht gehalten werden", hat SPD-Kreistagskandidatin Carolin Kroh als Antwort parat. Sie möchte, als angehende Lehrerin, auch keine Klasse mit nur fünf Kindern unterrichten. "Wir müssen den Menschen sagen, welche Schulen vor dem Aus stehen, nicht hinter verschlossenen Türen darüber entscheiden", meint Piraten-Politiker Olaf Lincke.

Sorgen machen sich die Schüler auch um die Sicherheit in der Altmark. Die Grünen-Kandidatin Sylvia Gohsrich stimmt zu. Die Polizei sei unterbesetzt. Streifenwagen seien erst nach Stunden verfügbar. "Da muss das Land reagieren", fordert sie.

"Geht wählen, damit ihr eine Wählergruppe seid, die wahrgenommen wird", gab Güssau den Jungwählern mit auf den Weg. "Sonst entscheiden die Älteren über Eure Zukunft."

 

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