In einigen Tagen kommt das Buch "Altmärkische Eisenbahngeschichten zur Kaiserzeit" von Wolfgang List in den Handel. Der Stendaler erzählt darin mehr als nur Geschichten über die Eisenbahn, sondern lädt ein zu einem unterhaltsamen Streifzug durch die Geschichte zwischen 1871 und 1914.

Stendal l Bücher, auf deren Titelseite als Autorenname Wolfgang List steht, gibt es schon einige. Ob nun die altmärkischen Kleinbahnen und deren Betreiber, die Bahnhöfe, elektromechanische Läutewerke, das Bahnbetriebswerk oder der bedeutende Bahnknotenpunkt Stendal - als ausgewiesener Eisenbahnhistoriker hat Wolfgang List wie kein Zweiter über die Entwicklung der Eisenbahn in der Altmark geforscht und publiziert.

Viele Stunden, zusammengerechnet Tage und Wochen, hat er dabei in Archiven recherchiert, besonders im Stendaler Stadtarchiv. Beim Blättern im Altmärkische Intelligenz- und Leseblatt - zwischen 1814 und 1919 eine regionale Tageszeitung in der Altmark - fiel ihm eines auf: "Viele Meldungen über den Kaiser standen als Spitzenmeldungen auf der Titelseite", erzählt Wolfgang List. Viele dieser Meldungen hat er gesammelt. Anfangs gar nicht einmal mit der Absicht, sie später für ein Buch zu verwenden.

"Das ist ein Lesebuch für jedermann"

Die Idee dafür kam dem Stendaler bei der Erinnerung an seine eigene Familiengeschichte. Sein Urgroßvater Friedrich Dietz, in seinen letzten Dienstjahren Weichensteller 1. Klasse auf dem Westturm des Stendaler Bahnhofs, hatte vor seinem Wohnhaus in Röxe eine Bank stehen. Dort traf er sich gelegentlich zu einem Schwätzchen mit Friedrich Kordts, seines Zeichens Hoflokomotivführer. Gern erzählte Kordts dann, wie er mit weißen Handschuhen auf dem Führerstand der Lok gestanden habe, um den Abfahrtsbefehl zu empfangen. Den brachte ein Adjutant des Kaisers mit dem Worten: "Majestät geruhen abzufahren!"

Diesen familiären Erinnerungen widmet Wolfgang List ein Kapitel in seinem neuen Buch "Altmärkische Eisenbahngeschichten zur Kaiserzeit", das in diesem Monat im Berliner Verlag Bernd Neddermeyer erscheint. Dieses Buch ist die mittlerweile siebte Publikation des Stendalers in diesem Verlag.

Verarbeitet hat Wolfgang List darin Texte aus alten Zeitungen. "Den Boulevardstil hat es schon damals gegeben" erzählt er. Einen Eindruck davon bekommt der Leser, denn auf den 136 Seiten werden viele Passagen der damaligen Berichte wiedergegeben. Hinzu kommen 200 Bilder, viele aus Wolfgang Lists umfangreichem Privatarchiv, andere besorgt im Landesfeuerwehrmuseum in Stendal oder bei Postkartensammlern. Zu sehen sind einige bisher unveröffentlichte Bilder, darunter zeitgenössische Aufnahmen vom Kaiserbesuch in Tangermünde und vom Kaisermanöver bei Salzwedel.

Waren die bisherigen Bücher eher Fachbücher und etwas für Leser, die sich für Eisenbahngeschichte interessieren, "ist das neue ein Lesebuch für jedermann", kündigt Wolfgang List an: "In der glücklichen Kombination von Bilder- und Lesebuch geht es auf kurzweilige Art und Weise um den normalen Eisenbahn-Alltag, wie er sich zwischen 1871 und 1914 auf dem Bahnhof Stendal, in der Eisenbahnhauptwerkstatt Stendal und auf den fünf von Stendal ausgehenden Hauptstrecken abspielte."

Gegliedert ist das Buch in drei Teile. Im ersten geht es um Stendal und die Eisenbahn zur Kaiserzeit. Erzählt werden Geschichten, die auf der Berlin-Lehrter/Uelzener Bahn spielen, die mitten durch die Altmark verläuft, und auf dem Stendaler Bahnhof. Der Blick geht über den Kirchturm hinaus nach Berlin, Bremen und Hannover. Ein Kapitel beschäftigt sich zum Beispiel mit den Blitzzug-Experimenten von Berlin an die Nordsee und von Berlin nach Köln, die als Vorläufer der heutigen ICE gelten und damals mit 120 Stundenkilometern eine beachtliche Geschwindigkeit hatten.

"Es wird von einfachen Menschen berichtet"

Im zweiten Teil des Buches behandelt der Autor die Aufenthalte der deutschen Kaiser in Stendal und der Altmark, das Prozedere beim Eintreffen und beim Abfahren der Kaiserzüge sowie amüsante Begebenheiten. Im dritten Teil geht es dann um Feiern, Vorkommnisse und Verbrechen. "Darin wird von den einfachen Menschen berichtet, die als Rädchen im großen Getriebe der Eisenbahn ihre Pflicht erfüllten und manches Mal mit ihrer Gesundheit oder sogar mit ihrem Leben bezahlten", sagt Wolfgang List.

Heimatgeschichtlich interessant ist das Buch "Altmärkische Eisenbahngeschichten zur Kaiserzeit" auch wegen der vielen Randthemen, die Wolfgang List erstmals im Zusammenhang mit der Eisenbahn darstellt. Die Jävenitzer Waldbahn gehört ebenso dazu wie der Schießplatz Vaethen bei Tangerhütte. Kurzweilig und sehr unterhaltsam, basierend auf authentischen Quellen, erfährt der Leser, wie die Menschen in der sogenannten Friedenszeit zwischen 1871 und 1914 lernen mussten, mit dem neuen Verkehrsmittel umzugehen - ob als Eisenbahner, als Reisender, aber auch als ganz normaler Straßen- und Wegenutzer, der immer mal wieder die Bahnschienen überqueren musste.

Erhältlich ist das Buch ab Mitte Juli im Buchhandel (ISBN 978-3-941712-38-6), zum Preis von 19,80 Euro.