Spätestens im November dürfen 2315 Stendaler erneut wählen. Die Wiederholung der Briefwahl wird an der Stärke der Fraktionen im Stadtrat wenig ändern. Sie könnte aber dessen Zusammensetzung durcheinander wirbeln.

Stendal l "10 bis 15, die es am 25. Mai geschafft haben, könnten auf der Kippe stehen", hatte CDU-Fraktionsvorsitzender Hardy Peter Güssau kürzlich überschlagen. Die Volksstimme hat jetzt einmal nachgerechnet. Für ein gutes Viertel der 40 Ratsmitglieder ist die Nachwahl eine mehr oder minder große Zitterpartie.

Ganz besonders für Holger Gebhardt (CDU). Dessen extrem gutes Briefwahl-Ergebnis (689 Stimmen) war Auslöser für die verwaltungsinternen Prüfungen, bei denen die vielfache Abgabe von Wahlunterlagen über die erlaubten vier Vollmachten aufgedeckt wurde (Volksstimme berichtete).

Betrachtet man einmal nur die bislang gültigen Ergebnisse aus den 37 Wahllokalen, kommt Gebhardt mit seinen 148 Stimmen auf der CDU-Liste lediglich auf den 22. Platz. Damit wäre er bei 16 Sitzen für die Christdemokraten nur der sechste Nachrücker. Durch sein gutes Briefwahlergebnis hatte der CDU-Ratsherr jedoch das viertbeste Resultat eingefahren.

Knappe Ergebnisse bei Linke und FDP

Gebhardts tiefer Fall ist indes der größte. Der Ratsherr braucht aus der Brief-Nachwahl gut 200 Stimmen, um wieder in den Stadtrat gewählt zu werden. Zittern müssen bei den Christdemokraten aber auch Christiane Jäger und Mäxchen Schreiber. Beide hatten knapp den Einzug in den Stadtrat geschafft, mit 76 beziehungsweise 84 Stimmen erreichten sie bei der Briefwahl aber deutlich mehr Stimmen als die Kandidaten hinter ihnen. Diese müsse sie nun bei der Nachwahl wieder aktivieren.

Viel knapper ist es dagegen bei den Linken und der FDP. Susanne Sommer, die jetzt für den verstorbenen Klaus-Peter Noeske nachrückt, hatte zunächst mit vier Stimmen weniger als Sven Meinecke den Einzug in den Rat verfehlt. Sie liegt 14 Stimmen vor Stephanie-Wilhelmine Schulz. Sommer hat davon 32 per Briefwahl geholt, Schulz 15 weniger. Knapp dahinter folgen dann Heike Laß und Ludwig Reinig.

Ganz eng wird es auch bei einem prominenten Trio bei den von fünf auf zwei Sitze dezimierten Freidemokraten. Michael Kühn lag mit 186 ganze sieben Stimmen vor Harriet Tüngler, die den Sprung in die Stadtvertretung damit ebenso verpasste wie die bisherige Fraktionsvorsitzende Astrid Bleißner, die 164 Stimmen erhielt. Die Drei hatten dabei zwischen 30 und 35 Briefwahlstimmen. Auf die anderen 14 FDP-Bewerber entfielen rund 130 Stimmen. Sie sind aber praktisch chancenlos. Spannende Frage: Wo machen diese Briefwähler bei der Neuauflage ihr Kreuz?

Bei der SPD liegen 41 Stimmen zwischen Ratsherr Peter Ludwig und dem ersten Nachrücker Steffen Tank, der aber fünf Briefwahlstimmen mehr als Ludwig vorweisen kann.

Wahlergebnis steht zu mehr als 80 Prozent fest

Abstände in diesen Größenordnungen dürften schon schwerer zu knacken sein, denn mehr als 80 Prozent des Wahlergebnisses stehen ja bereits fest. Zu den gültigen 29906 Stimmen können maximal 6945 noch hinzu kommen.

Das Kräfteverhältnis - und damit auch die Sitzverteilung - ohne das bisherige Briefwahl-ergebnis ist übrigens exakt die gleiche (siehe Grafik). Und an der dürfte sich nur noch marginal etwas ändern.

Bei dem Verteilungsverfahren nach dem System der beiden Mathematiker Hare und Niemeyer fiel der letzte zu vergebende Sitz den Linken zu, knapp vor den Grünen. Diese müssten aber den Abstand zur Linken um gut 60 Stimmen verringern, um einen zweiten Sitz zu erringen. Sie müssten damit ihr Briefwahlergebnis mit 231 Stimmen vom Mai um 25 Prozent steigern - gesetzt den Fall, die Linke erhält wieder ein ähnliches Ergebnis. Übrigens: Grünen-Spitzenkandidatin Sylvia Gohsrich hatte am 25. Mai mit 612 Stimmen (davon 108 in der Briefwahl) ein derart gutes Ergebnis, dass keiner der drei anderen grünen Bewerber an ihr vorbeiziehen kann.

Nicht ganz unproblematisch ist bei dieser Nachwahl, dass die 2315 Wahlberechtigten nicht nur das Wahlergebnis vom 25. Mai kennen - sondern auch das, was die Parteien daraus gemacht haben. Dass die Grünen mit der CDU eine Fraktion bilden und die FDP das Mitte-Bündnis mit SPD und Piraten schmiedet, hatten vor der Wahl wohl die wenigsten erwartet.