Mit dem ersten Friedensgebet am 20. Juli in der Petrikirche begann vor 25 Jahren auch in Stendal die Wende. Pfarrer war damals Reinhard Creutzburg. Im Gespräch mit der Volksstimme schildert er seine Erinnerungen an diese Zeit.

Stendal l "Angst, natürlich gab es auch Angst", sagt Reinhard Creutzburg, als er sich an die Sommertage 1989 erinnert. Mit dem ersten Friedensgebet in der Petrikirche, deren Pfarrer er war, begann greifbar auch die Wende in Stendal. Im Februar war er mit seiner Frau nach Stendal gekommen, hatte im April die erste Begegnung mit Erika Drees. Ein Gedenken an das Atomunglück in Tschernobyl war der Anlass. "Durch die Fälschung bei der Kommunalwahl und das Massaker auf dem Platz dem Himmlischen Friedens in Peking kam ich dann mit ihr und ihrem Kreis, zu dem auch Ingrid Fröhlich gehörte, näher zusammen", erzählt er.

"Ich muss aufpassen, dass mir nicht die Stimme wegbleibt."

Friedensgebete habe es auch bereits 1983 im Rahmen der Bewegung "Schwerter zu Pflugscharen" gegeben, sagt Ingrid Fröhlich-Groddeck. Dies ist auch Creutzburg bekannt, jedoch hätten die sechs Jahre später nicht mehr stattgefunden. Auf dem Balkon seiner Pfarrwohnung am Ende des Stadtsees habe dann im Juni das Ehepaar Creutzburg zusammen mit Drees und Fröhlich an einer Lithurgie gebastelt. "Vor allem für die politisch denkenden Menschen war eine Situation entstanden, die nicht mehr auszuhalten war", erklärt er.

Bibeltexte, Gebete, Lieder wurden zusammengestellt. Auf einer Matritze abgezogen. Den Titel zierte eine Taube mit Olivenzweig im Schnabel, in der Bibel das Symbol für das Ende der Sintflut. Eine Handvoll Menschen versammelte sich am 20. Juli, einem Donnerstag. "Der Wochentag war ein Zufall und sicherlich sollte auch nicht das bedeutungsschwere Datum genutzt werden", erklärt Creutzburg. Sie kamen nicht im Kirchenschiff zusammen, sondern gleich links neben dem Eingang an der Gedenktafel für die in den Weltkriegen Gefallenen, die in den 60er Jahren aufgestellt worden war und nichts von dem heroischen Pathos früherer Jahrzehnte hatte.

Schon vom ersten Treffen an stand das Friedensgebet unter den beiden Leitgedanken der Betroffenheit und der Fürbitte. Was später "offenes Mikrofon" hieß, war auch schon am 20. Juli Teil des Friedensgebetes. Menschen durften sagen, was sie bewegt, wo sie der Schuh drückt, was ihr Herz bewegt. "Wenn ich daran zurückdenke, muss ich auch heute noch aufpassen, dass mir die Stimme nicht wegbleibt", ist Creutzburg immer noch bewegt.

Denn das erste Friedensgebet war nur der Anfang, die Handvoll Menschen nur der Beginn. Immer mehr kamen in die Petrikirche am dritten Donnerstag des Monats. Immer mehr wollten ihre Unzufriedenheit äußern, sei es über die Umweltpolitik, die Wirtschaft oder auch den Verfall der Stendaler Innenstadt. "Deren Mut bewundere ich sehr", bekennt Creutzburg, "Menschen, die sich trauten, Missstände anzuprangern und das am Mikrofon vor vielen Menschen." Das sei der Mut zum aufrechten Gang gewesen.

"Am 12. Oktober platzte die Nikolaikirche aus allen Nähten."

Und es wurden viele. Dass die Stasi ab August auch zu den Teilnehmern gehörte, konnte die Menschen in der Petrikirche nicht aufhalten. "Durch deren akribische Aufzeichnungen wissen wir heute ganz genau, wie viele Menschen dabei waren und was gesagt wurde", spürt der Pfarrer im Ruhestand noch heute einen Schauer. Nach dem 9. Oktober, als sich bis zu 100000 Demonstranten in Leipzig der massiven Staatsmacht aus Volkspolizei, Kampftruppen und NVA gegenübersahen, wurde beschlossen, die Friedensgebete in Stendal wöchentlich stattfinden zu lassen.

Der Widerstand war nicht nur kirchlich, sondern auch politisch. "Nach den Friedensgebeten begannen die Kerzendemos, die häufig am Gebäude der Staatssicherheit endeten", erzählt Creutzburg. Dort wurden dann die Kerzen auf die kleine Begrenzungsmauer gestellt.

"Am 12. Oktober platzte die Petrikirche aus den Nähten", bringt es Creutzburg auf den Punkt und spricht von 150 Menschen auf den Kirchenbänken und überfüllten Seitenschiffen und dem Altarraum. Und dennoch habe man bei den Zeugnissen der Betroffenheit eine Stecknadel fallen hören können. Aus der katholischen Kirche St. Anna gab es eine Prozession angeführt vom katholischen und dem evangelischen Propst zu St. Petri. Doch deren Platz reichte nicht mehr, im November folgte der Umzug in den Dom.

Schon das zweite Friedensgebet in Stendal größter Kirche, am 9. November, ebenfalls ein Donnerstag, änderte die gesamte Situation. Günter Schabowski verkündete in Berlin die Ausreise ohne besondere Gründe, die Mauer fiel. "Manche haben andere Erinnerungen", sagt Creutzburg, "aber ich erinnere mich an ein großes Hallo."

Das große Ziel aller, der Kampf gegen die SED-Diktatur, sei damit erreicht worden. Und so seien dann die Menschen in viele verschiedene Richtungen geströmt: Aus "Wir sind das Volk" wurde "Wir sind ein Volk", nicht jeder konnte sich auch damit identifizieren, die Kirche war nicht mehr Mittelpunkt aller gewesen.

Im März 1990 gab es das letzte Friedensgebet im Zusammenhang mit der Wende in der DDR.