Die erste ist so gründlich misslungen, dass man vor der zweiten Neugestaltung eines wichtigen Baudenkmals der Stadt schon von Herzflattern befallen wird. Zumal beide Gebäude ein und denselben Eigentümer haben: die Hansestadt selbst.

Spazieren Sie mal durch die Winckelmannstraße, eine der letzten in Stendal mit einem noch fast geschlossenen Fachwerkbild. Es ist ein Genuss, wenn da nur das frisch gestrichene Winckelmann-Museum nicht wäre. In Hellocker oder Sandgelb hat man das im 18. und 19. Jahrhundert gewachsene Fachwerkensemble an der Stelle von Winckelmanns Geburtshaus neuerdings einfarbig getüncht, ohne hölzernes Gebälk und verputzte Gefache farblich voneinander abzusetzen. Mit einer Einschränkung: Ein über die ganze Fassade reichender Rahmenbalken über dem Erdgeschoss wurde hellblau eingefärbt, was die Sache keinesfalls schöner macht. Die Holzständer, -balken und -konsolen kann man vom Mauerwerk ansonsten nur durch die breiten Risse unterscheiden, die nach der einheitshellen Einfärbung besonders deutlich sichtbar geworden sind.

Wenn man Fachwerk nicht will, soll man es unter Putz verstecken. Wenn doch, muss man es zeigen. Das tut man mit großer Freude und unermüdlichem restauratorischen Aufwand in allen deutschen Fachwerkregionen vom alemannischen über den hessischen und fränkischen Raum bis nach Niedersachen und Schleswig-Holstein; nicht zuletzt auch in Tangermünde. Und auch im Elsass, in der Normandie und in Yorkshire ist man bemüht, die Schönheit des Fachwerks auch farblich zu betonen. In Stendal, so mein Eindruck, hat sich eine eigenwillige und historisch kaum begründbare Spielart der Denkmalpflege eine Spielwiese gesucht, die nicht gar so stark im Blickpunkt einer kritischen Öffentlichkeit steht, wie das in ausgesprochenen Fachwerkstädten wie Wernigerode oder Goslar der Fall wäre.

Und nun steht der zweite Akt der einheitlichen Einfärbung eines Denkmals an. Am Rathaus wird fleißig an den alten Farbschichten gekratzt, damit es demnächst eintönig sandsteinfarben ins Stadtbild wirkt. Schon die in der Volksstimme abgedruckte Computergrafik zeigte, dass die Fassade nur in der Sonne in einem Gelbton erstrahlen wird; im Schatten und an den vielen sonnenlosen Tagen wird das Rathaus wie eine graue Maus am Marktplatz stehen. Wenn das kein Grund zur Vorfreude ist!

Der Restaurator vom Landesdenkmalamt findet das "authentisch", weil es eventuell schon mal so war; genauer weiß er es offenbar nicht. Abenteuerlich erscheint mir seine Argumentation, die Fassade mit ihren Giebeln werde danach plastischer wirken, als es der Kontrast von Weiß und Terrakotta an Fensterrahmen und Giebelschmuck bisher vermochte. Warum nur setzten die Baumeister an den zwei gotischen Giebeln der Südseite trotz starker Plastizität schon vor Jahrhunderten auf das reizvolle Zusammenspiel von rotem Backstein und hellen Putzflächen?!