Feuerwehrmänner gehen mit dem Hochdruckstrahl aufeinander los, Kegelbrüder werden unter einer zu schweren Baggerschaufel begraben - Die sogenannte "Cold Water Challenge" birgt viele Risiken. Auch in Stendal ist das Videoprojekt umstritten.

Stendal l Für die Einen ist es Jux und Tollerei, für andere ein sinnloses Experiment, das sogar gefährlich ausgehen kann. Bei der "Cold Water Challenge", zu Deutsch "Kaltwasser-Herausforderung", wollen Organisationen und Vereine in einem YouTube-Video zeigen, was sie drauf haben. Großer Beliebtheit erfreut sich das Spiel mit dem kalten Wasser bei denen, die von Berufs wegen her mit dem kühlen Nass zu tun haben, bei Feuerwehrleuten aber auch den Kameraden des Technischen Hilfwerks (THW).

Mittlerweile haben sich auch das THW und Feuerwehren im Landkreis Stendal dem Trend, der ursprünglich aus den USA stammt, angeschlossen. Ihre Vorgesetzten sind darüber wenig begeistert. Verbieten wollen sie es ihren Kameraden, die ihren Dienst zumeist ehrenamtlich in der Freizeit leisten, nicht.

Spaß kann auch tödliche Folgen haben

"Wir brauchen nicht den Actionman, sondern Besonnenheit", sagt Kreisbrandmeister Ringhard Friedrich. Er sieht dabei die Gefahr, dass das Image der Feuerwehr durch leichtsinnige Spielchen ramponiert werden könnte. "Die Vorbildfunktion geht uns damit verloren."

Seitdem eine Cold-Water-Aktion in Isselburg bei München Ende Juli dieses Jahres tragisch endete, steht das gesamte Projekt scharf in der Kritik. In Isselburg sollten Mitglieder eines Keglervereins mit 2000 Litern Wasser aus einer Baggerschaufel begossen werden. Das Baufahrzeug verlor jedoch die Balance, kippte nach vorn und verletzte mit seiner Schaufel sechs Kegelbrüder, einen davon tödlich. Dagegen sind die Videos von Feuerwehren und dem THW im Landkreis Stendal harmlos. Negative Beispiele sind Ringhard Friedrich lediglich aus dem Raum Berlin-Brandenburg bekannt. "Da wurde ein Feuerwehrmann von zwei Seiten mit Wasser aus Hochdruckschläuchen besprüht", erinnert er sich. Auch das hätte Friedrich zufolge böse ausgehen können. Augen und Gehörgänge hätten empfindlich getroffen werden können. Für Friedrich ist das purer Leichtsinn.

THW Stendal schrubbt sein Auto selber

In ihrem Youtube-Video nominiert die Feuerwehr Tangermünde unter anderem das THW Stendal für die nächste Challenge. Drehen die Kameraden kein Video binnen 48 Stunden, müssen sie die Fahrzeuge der Tangermünder Feuerwehr reinigen. "Das haben wir in dem Video aber selbst besorgt", sagt Peter Schwarz vom THW. Er zeichnete den Clip mit seiner Kamera auf. Sein Kollege Nico Albrecht befürwortet den kleinen Spaß. "So können wir auch im Netz auf unsere Arbeit aufmerksam machen." Zudem würden solche Aktionen den Zusammenhalt in der Truppe fördern. Steuergelder wurden nach Ansicht der beiden THWler nicht vergeudet, da lediglich eine Übung gefilmt wurde, die dazu auf dem THW-Gelände in der Gardelegener Straße in Stendal stattfand. "Also keine Extravaganzen", so Peter Schwarz.

Nachdenklicher zeigt sich THW-Ortsbeauftragter Norman Gelbke über das Video seiner Jungs. "Nach der Geschichte in Isselburg hätten wir das Video bestimmt nicht gedreht", sagt er. Von Übertreibungen hält Gelbke wenig. Andererseits kann er auch verstehen, wenn seine Kameraden während ihres ehrenamtlichen Engagements mal etwas Spaß nebenher haben wollen. In dem Video wird zwar nur eine blaue Quietscheente vor dem Ertrinken gerettet, es solle jedoch auch gezeigt werden, dass helfen Spaß machen kann.

Ob das THW nun über YouTube neue Mitglieder generieren kann, bezweifelt Gelbke. Aktuell sind im THW Stendal 25 Männer und Frauen ehrenamtlich tätig. "Mindestens 16 Leute fehlen, um die Anforderungen ausreichend gerecht werden zu können", erzählt der THW-Ortsbeauftragte.

Cold Water Challenge wird nicht verboten

Eine Jugendtruppe fehlt den Stendalern, trotzdem liegt der Alterdurchschnitt bei Ende 20. Wer in seiner Freizeit Spaß an Bewegung, Technik und Helfen hat, der ist beim THW genau richtig, wirbt Gelbke für die Organisation. Zudem habe das THW nicht nur mit kaltem Wasser zu tun, sondern es müssen auch Bäume gefällt oder Mauerwerk eingeschlagen werden. Zusatzqualifikationen würden über THW-Lehrgänge vermittelt. Sowohl die Feuerwehr als auch das THW im Kreis wollen ihren Kameraden weitere Cold-Water-Aktionen nicht verbieten. "Der THW-Chef aus Bonn fordert uns in einem Schreiben aber dazu auf, Sicherheitskriterien einzuhalten", sagt Gelbke.

Die THWler hatten in ihrem Video bewusst keine weiteren Kameraden nominiert, um das Kettensystem nicht in die Länge zu ziehen. Peter Schwarz will jedoch nicht ausschließen, dass sich das THW irgendwann wieder an der Challenge beteiligt. Bei der Feuerwehr gibt es indirekte Restriktionen, wie Ringhard Friedrich informiert. "Die Unfallkasse übernimmt keinerlei Haftung, wenn bei den Aktionen was passiert." Das schrecke ab. An und für sich, sagt Friedrich, findet er das Spiel mit dem Element Wasser aber gut. Doch es gebe auch andere Möglichkeiten, auf sich aufmerksam machen zu können. Zum Beispiel über einen Tag der offenen Tür.

Bilder