Die vier Wohnblöcke in Stendal-Süd werden am 20. November zur Zwangsversteigerung vor dem Amtgericht aufgerufen. Gerichtssprecher Michael Steenbuck bestätigte gestern Volksstimme-Informationen.


Stendal l Es ist leer geworden in Süd. Die Balkone sind verwaist, auf den Straßen ist niemand zu sehen. Im Antiquariat des Sozialkaufhauses herrscht allerdings reges Treiben. "Hier wohnen ja auch nur noch höchsten 100 Menschen", meint Kerstin Schmidt, die hinterm Tresen sitzt. "Wir haben schon bei einigen Umzügen geholfen, in den kommenden Tagen stehen die nächsten an", ergänzt Jens-Uwe Blasczyk.

Schweigen im Vermieterbüro

Der Vater von Diana Böttcher wird auch in den nächsten Tagen umziehen, nach Wischer. Dann ist der letzte Mieter aus dem Aufgang Bremer Straße 14 verschwunden. "Er hat sich hier eigentlich sehr wohl gefühlt, wollte nicht unbedingt ausziehen", sagt Diana Böttcher. "Wenn das mit dem Wasser nicht gewesen wäre, wäre er auch geblieben", fügt ihre Freundin Karin Ahlfeld hinzu.

"Ich kann die Leute nicht verstehen, die hier noch wohnen", meint Kundin Elke Teske. Die Verhältnisse seien doch menschenunwürdig, Wasser aus dem Hydranten, duschen im Sportstudio. "Es ist schon unglaublich, wie mit Menschen im 21. Jahrhundert umgegangen wird", meint sie kopfschüttelnd.

Ein paar Meter weiter, im Büro der Raks AG, an dessen Eingang ein Schild nüchternen Besuchern verspricht, herzlich willkommen zu sein, mag niemand etwas zur aktuellen Situation sagen. Vor rund einem Monat hat Prokurist Ramazan Yagan angekündigt, dass sich die Situation für die Mieter in Süd verbessern werde. Einen Zeitrahmen nannte er dabei nicht, da er sich nicht vorwerfen lassen wollte, eine Zusage nicht eingehalten zu haben. Derzeit ist er nicht zu erreichen, weil er im Ausland weilt, per SMS sichert er der Volksstimme zu sich zu melden, sobald er wieder in Deutschland ist.

Doch vielleicht kommt auf eine andere Art Bewegung in die Sache. Für den 20. November ist ein Zwangsversteigerungstermin für die vier Wohnblöcke vor dem Amtsgericht anberaumt. Gerichtssprecher Michael Steenbuck bestätigte gestern Volksstimme-Informationen. Auf der Internetseite www.immobilienpool.de sind ausführliche Informationen zu den vier Mehrfamilienhäusern hinterlegt. Die Blöcke Hanseallee 25 bis 39, 2a bis 14a, 57 bis 65a/ Lemgoer Straße 2 bis 6 und Bremer Straße 2 bis 6 werden versteigert, entweder einzeln oder als Ensemble. Allerdings stammt das Gutachten schon aus dem Jahr 2010. Damals standen nur 123 der insgesamt 434 Wohnungen leer. Die Quote von 28 Prozent Leerstand ist lange überschritten.

Die Mehrfamilienhäuser befänden sich in einem weiterhin nutzbaren Zustand. Instandsetzungen seien erforderlich. Aufgrund der Rückbaumaßnahmen, die auch Kinderbetreuungseinrichtungen, Schulen und Nahversorger betrifft, sei die künftige Vermietbarkeit mit Unsicherheiten behaftet. Die jetzige Kaltmiete von drei Euro werde jedoch auch künftig einen starken Anreiz zum Zuzug darstellen.

Stadt sorgt für Notquartiere

Die komplette Summe für die Blöcke, die 2009 von der M E Real Estate ersteigert wurden, ist nie gezahlt worden. Nähere Einzelheiten konnte Steenbuck nicht nennen. Die Stadt wies auf Volksstimme-Anfrage darauf hin, dass die Raks AG auch nicht der Eigentümer, sondern lediglich verfügungsberechtigt sei.

Seit Ende Juli hätten weder die Stadt noch die Stadtwerke Kontakt mit der Raks AG gehabt. Auch seien keine Zahlungen erfolgt. Zuletzt bezifferten die Stadtwerke die Ausstände auf rund 150000 Euro. Daher wurden im Frühjahr zunächst Warmwasser und Fernwärme abgestellt, dann der Allgemeinstrom, der fürs Licht im Treppenhaus und eine funktionierende Klingelanlage sorgt, und Anfang Juli wurde schließlich das Trinkwasser gesperrt. Die Stadt sieht die Situation als unbefriedigend und für die betroffenen Mieter bedauerlich an. Der Trend zum Wegzug sei allerdings ungebrochen. Mit Blick auf die nahende Heizperiode sei das den eventuell noch unentschlossenen Mietern ebenfalls dringend zu empfehlen. Die Stadt werde ihre Pflichten zur Gefahrenabwehr wahrnehmen und für Mieter, die bis dahin keine alternative Wohnung bezogen haben, Notquartiere bereitstellen, die beheizt und mit funktionsfähigen Sanitäranlagen ausgestattet sind.

 

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