Stendal l Der Volksstimme-Artikel schlug gestern früh in der Kreispolitik - und wohl nicht nur dort - buchstäblich wie eine Bombe ein. SPD-Landtagsabgeordneter Tilman Tögel war der erste, der Worte dafür fand. Um 9.35 Uhr schickte der Stendaler, der auch im Kreistag sitzt, per Mail eine Pressemitteilung in die Redaktionen.

Der plötzliche Rückzug des vom Verwaltungsrat mit großer Mehrheit ausgesuchten Bankers sei "schon pikant und nicht vertrauenerweckend". Tögel fordert jetzt: "Die Stelle muss bundesweit neu ausgeschrieben werden. Jetzt unter den noch verbliebenen und nicht favorisierten Bewerbern auf die Suche zu gehen, halte ich für falsch."

Weiter heißt es in seiner Erklärung: "Um die Fehler in der Vergangenheit unbefangen aufzuarbeiten, bedarf es eines neuen Vorstandsvorsitzenden, der (oder die) unbefangen und ohne falsche Rücksichtnahme an die Arbeit geht." Tögel zweifelt zudem, ob der Ostdeutsche Sparkassenverband (OSV) hier der richtige Berater sei.

Tögel glaubt nicht, dass der Rückzug ein Zufall ist

Der Sozialdemokrat argwöhnt, dass vielmehr eine CDU-Intrige die Dramaturgie bestimmt habe. So ist der heutige OSV-Präsident und frühere Harzer Landrat Michael Ermrich ebenso Christdemokrat wie der jetzt abgesprungene ausgewählte neue Sparkassen-Chef, Landrat Carsten Wulfänger und sein Vorgänger Jörg Hellmuth, in dessen Zeit als Vorsitzender des Aufsichtsgremiums "die skandalösen Vorgänge in der Kreissparkasse" sich ereignet haben. "Ob dies alles wirklich Zufall ist?", fragt Tögel.

Auch FDP-Kreischef Marcus Faber spricht sich für eine Neuausschreibung aus. Den anderen Bewerbern hafte jetzt der Makel an, "nur zweite Wahl zu sein". Faber kritisiert hier auch Landrat Wulfänger, der nach der Wahl per Pressemitteilung "bereits einen Wasserstand abgegeben" habe, anstelle so lange zu warten, bis der Vertrag unterschrieben vorliegt. "So wussten doch die anderen Kandidaten bereits, dass sie nicht erster geworden sind."

Die Absage des ausgewählten Bewerbers, der Vorstandsmitglied einer ostdeutschen Volksbank ist, sei "für den Neuanfang ein erheblicher Rückschlag", bedauert der Freidemokrat.

Kunert findet Absprung "mehr als merkwürdig"

Bundestagsabgeordnete Katrin Kunert, die für die Linke im Verwaltungsrat des Kreditinstituts sitzt, findet den plötzlichen Rückzug des 47-jährigen Favoriten "mehr als merkwürdig": "Ich hatte den Eindruck, dass er sich sehr auf diese neue Aufgabe freut." Kunert ist zudem verwundert, dass das Bewerbungsverfahren noch nicht abgeschlossen ist. Dies sei auch mit den anderen Bewerbern anders vereinbart worden.

Unter diesen Umständen will sie als Mitglied des Verwaltungsrates selbst einmal die kompletten Bewerbungsunterlagen sichten. "Ich erwarte, dass die Kandidaten noch einmal geladen werden." Ansonsten könne aus ihrer Sicht am 3. September keine Entscheidung fallen. Dass sich inzwischen herausgestellt hat, dass es bei einem Kandidaten "Verbindungen zwischen beiden Häusern gibt, die belastete Personen betreffen", sei für sie nicht hinnehmbar.

Kunert informierte am Abend die Linke-Kreistagsfraktion über die Situation und ihre Position. Unter ihrer Parteifreunden habe eine "große Betroffenheit" geherrscht.

Zurückhaltend gibt sich derweil CDU-Fraktions- und Kreis-Chef Wolfgang Kühnel: "Der Verwaltungsrat wird am 3. September entscheiden, wie es weitergeht." Dort gehöre auch die Diskussion hin, findet er. Kühnel will daher zuvor keine öffentlichen Stellungnahmen abgeben.