294 Vermisste waren in diesem Jahr bis zum 20. August im Kreis Stendal registriert. Viel Arbeit für die Polizei. Der heutige Tag der Vermissten soll Anlass sein, auf diese Arbeit zu schauen.

Stendal l Er sorgte für Schlagzeilen, er lief bei der Fernsehsendung "XY ungelöst" - der Fall des Andy B. aus Stendal. Seit Februar 2009 wird der damals 29-Jährige vermisst. Trotz umfangreicher Ermittlungen und Zeugen, die ihn 2010 in Tschechien und 2013 in Stendal gesehen haben wollen, fehlt jede Spur von dem Altmärker.

Weit weniger spektakulär ist die große Mehrzahl der Vermisstenfälle, die zum täglichen Brot der Mitarbeiter des Revierkriminaldienstes in Stendal gehören. "Die Vermisstenfälle verlangen viel Ermittlungsarbeit, wir betreiben einen großen Fahndungsaufwand. Zumeist aber kehren vermisste Personen eigenständig zurück", berichtet Kriminalhauptmeisterin Kornelia Brasche, Sachbearbeiterin Fahndung. Und wie Polizeisprecher Fred Mücke anfügt, galten von den 294 Personen, die in diesem Jahr bis zum 20. August verschwunden waren, lediglich zwei an jenem Tag noch als vermisst.

Handy-Ortung nur in Ausnahmenfällen

Bei etwa zwei Drittel der Vermissten im Kreis Stendal handelt es sich um Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren. Stress mit den Eltern, Probleme in der Schule, Streitigkeiten im Heim, aber auch pure Abenteuerlust sind häufige Gründe, sich auf und davon zu machen. In der Regel - besser im Durchschnitt - sind sie nach ein bis drei Tagen wieder da. Aus eigenem Antrieb oder von der Polizei aufgegriffen.

Zuvor allerdings haben sie ein polizeiliches Räderwerk in Gang gesetzt. "Häufig führt die Schutzpolizei die Erstmaßnahmen durch, nimmt die Anzeige auf, befragt Angehörige", erläutert Brasche. Sie fügt an: "Wenn wir einschätzen, Leib und Leben droht akute Gefahr - davon gehen wir in den meisten Fällen bei Kindern aus -, greifen weitere Maßnahmen wie der Einsatz von Hubschraubern und Fährtenhunden."

Auch Handy-Ortungen sind möglich. "Allerdings nur in Ausnahmefällen, beispielsweise wenn die begründete Gefahr eines Suizids besteht", schränkt die Kriminalbeamtin ein, die sich in ihrer Dienstzeit an einen einzigen Vermisstenfall erinnert, der mit einer Selbsttötung endete.

Deutlich mehr werden Brasche und ihre Kollegen mit jugendlichen Dauerausreißern konfrontiert, die immer mal wieder das Weite suchen. Sie kennen ihre Pappenheimer, behandeln sie aber wie ganz normale Fälle. Zwar suchen sie häufig Unterschlupf bei Freunden und Bekannten, die sich übrigens im Fall von Minderjährigen strafbar machen können, "aber wir müssen immer davon ausgehen, dass der Vermisste Hilfe benötigt", macht Brasche klar.

"Eine erfolgreiche Fahndung erfordert schnelle und umfangreiche Informationen zum Vermissten an die Polizei, um zeitnahe Ermittlungen führen zu können", sagt Mücke. Er nennt neben der Beschreibung unter anderem Hinweise zur Bekleidung, auf Freunde, zur möglichen Einnahme von Medikamenten, zu Lieblingsaufenthalte des Vermissten.

Doch hin und wieder verlaufen die Hinweise im Sande, bleiben Personen verschollen. "Sind alle Hinweise abgearbeitet, wird ein Fall ad acta gelegt", so Brasche, die aber im gleichen Atemzug versichert: "Aber er wird nicht aus den Augen verloren. Ergeben sich neue Hinweise, arbeiten wir weiter."

"XY" nur mit Zustimmung der Angehörigen

Beim Revierkriminaldienst in Stendal gibt es sechs Langzeitververmisste. Der längste offene Fall stammt aus dem Jahr 1992. Ein anderer ist der von Andy B. aus Stendal. Nach ihm wurde nicht nur bei "XY ungelöst" gesucht, sondern läuft auch eine Fahndung auf der Internetseite des Landeskriminalamtes. Das allerdings ist die Ausnahme. Diese Art der Fahndung ist nur unter ganz bestimmten Bedingungen und mit Zustimmung der Angehörigen möglich.