Am morgigen Mittwoch tagen die Mitglieder des Sparkassen-Verwaltungsrates außerplanmäßig. Sie müssen nach dem plötzlichen Rückzug ihres Favoriten einen neuen Anlauf für die Besetzung des Vorstandsvorsitzes nehmen - ein analytischer Blick hinter die Kulissen.

Rund 300 Mitarbeiter, eine Bilanzsumme von mehr als 1,2 Milliarden Euro und ein Gewinn von zuletzt 1,22 Millionen Euro -wenn es an diesem Mittwoch im Verwaltungsrat der Kreissparkasse um den Vorsitz des Vorstandes der Kreissparkasse Stendal geht, dann geht es um eine der wichtigsten und mächtigsten Schlüsselpositionen in unserem Landkreis. Und es geht um einen Posten, über den Vertreter von Politik und Belegschaft gemeinsam entscheiden dürfen.

Ursprünglich war diese Position mindestens bis 2016 besetzt. Amtsinhaberin Kerstin Jöntgen hatte und hat sich mit ihrem Aufräumkurs nach den Verwerfungen der Ära Bur-meister Achtung erworben und das Kreditinstitut auf Kurs Richtung Zukunft gebracht. In der Wirtschaft genießt man damit hohes Ansehen. Bei anderen Kreditinstituten offenbar auch - in Frankfurt/Oder galt sie als Favoritin für die Nachfolge des scheidenden Vorstandschefs, nach Nordrhein-Westfalen wechselt sie nun.

Es passte nicht zwischen Wulfänger und Jöntgen

Die Rolle von Politik- und Belegschaftsvertretern und deren Interessen sind ein spannendes Thema, wenn einmal Licht hinter das Dunkel kommt, warum Jöntgens Stendal vorzeitig verlässt und gleich zwei - womöglich aber gar mehr - Anläufe nötig sind, damit diese Position mit einer geeigneten Persönlichkeit besetzt ist.

Eine entscheidende Rolle hat allein schon aufgrund seiner Rolle als Vorsitzender des Sparkassen-Verwaltungsrates Landrat Carsten Wulfänger. Zwischen ihm und Jöntgen stimmte die Chemie nicht. Jöntgen kommentiert dies nicht, Wulfänger bestreitet es - aber nahezu jeder weiß es.

Anders als sein Vorgänger und Förderer Jörg Hellmuth, der Ex-Vorstandschef Bur-meister allzu sorglos gewähren ließ, gilt Wulfänger als Chef, der alles kontrollieren will. Allerdings ist die Sparkasse kein Landratsamt. Zudem gehörte Wulfänger selbst schon mehrere Jahre dem Kontrollgremium Verwaltungsrat an, als viele der jetzt für Schlagzeilen sorgende Unregelmäßigkeiten ihren Lauf nahmen.

Rätselraten um ein Vier-Augen-Gespräch

Was Jöntgen und er unter vier Augen gesprochen haben, wissen nur sie beide. Im Ergebnis hat die Bankerin für sich jedenfalls keine Zukunft mehr in Stendal gesehen und der Landrat vermochte sie - trotz einer Aufforderung durch den Kreistag - nicht zu halten. In der Kreispolitik und im Verwaltungsrat gibt es daher spätestens seit dem Frühjahr beim Thema Kreissparkasse zwei Lager.

Umso bemerkenswerter war es, dass sich Politik und sachkundige Vertreter Anfang August im Verwaltungsrat einmütig auf einen Nachfolger einigen konnten. Der mit deutlicher Mehrheit ausgewählte Volksbanker sagte am Abend direkt zu, zwei Wochen später aber plötzlich und überraschend ab. Laut Wulfänger ohne Angabe von Gründen.

Verbrieft ist, dass es dazwischen ein längeres Vier-Augen-Gespräch zwischen dem Landrat und dem designierten Vorstandschef gegeben hat. Dessen Inhalt wird ein Geheimnis bleiben, das Ergebnis aber ist bekannt.

Binnen eines halben Jahres sind damit zwei Spitzen-Manager von ein und dem selben Posten zurückgetreten - beziehungsweise haben ihn erst gar nicht angetreten. Für Kopfjäger ist das eine respektable Quote, für die Kreissparkasse hingegen praktisch eine Katastrophe.

Dies alles ist im politischen und wirtschaftlichen Leben landauf-landab nicht das erste Mal passiert. Hier kommt jedoch noch eine bemerkenswerte Facette hinzu. Vier der fünf Belegschaftsvertreter hatten sich bei der Abstimmung als einzige für einen anderen Kandidaten entschieden: Das Vorstandsmitglied einer norddeutschen Volksbank dürfte zumindest einen gebürtigen Stendaler etwas besser kennen - ein Burmeister-Sohn wechselte in diesem Frühjahr nach seinem Abschied bei der Kreissparkasse zum dortigen Geldinstitut auf eine leitende Funktion.

Wie es heißt, wurde der Jurist und Banker beim Vorstellungsgespräch gefragt, ob es Beziehungen zwischen der Kreissparkasse Stendal und seiner Volksbank gebe. Er soll dies verneint haben. Das ist gewissermaßen eine ähnliche Teilwahrheit wie das Nein des damaligen Ministerpräsidenten Christian Wulff im niedersächsischen Landtag auf die Frage, ob er denn geschäftliche Beziehungen zu dem Kreditgeber seines Eigenheimes gehabt habe. Für den späteren Bundespräsidenten ging dies anschließend jedenfalls nicht gut aus.

Auswahlverfahren im Schnelldurchlauf

Nun mag man auch hier an Zufall glauben - die Bankenwelt ist schließlich auch nicht die größte. Wenn in Stendaler Bankenkreisen dieser Tage jedoch freimütig kolportiert wird, dass Dieter Burmeister in der Stadt erzähle, bei der Auswahl seines Nach-Nachfolgers werde er schon dafür sorgen, wer das Rennen mache, dann bekommt die ganze Mischung einen nicht nur faden Beigeschmack.

Der verbessert sich auch nicht, wenn man das Auswahlverfahren für den Sparkassen-Chefsessel einmal näher unter die Lupe nimmt. Sechs Kandidaten hatten der Landrat und Vertreter des Ostdeutschen Sparkassenverbandes aus 34 Bewerbungen aufgrund deren Papierform ausgewählt. Eine ganze dreiviertel Stunde präsentierte sich jeder Bewerber dem Verwaltungsrat. Das Gremium beriet anschließend je eine viertel Stunde über jeden von ihnen. Das war es auch schon - noch am gleichen Tag erfolgte Anfang August die Abstimmung.

Vielfach werden heute Auszubildende intensiver begutachtet als der Verwaltungsrat hier für diese Schlüsselposition Zeit hatte. Bei anderen Sparkassen gibt es für Vorstandsposten ein mehrstufiges Auswahl-Verfahren unter Einbeziehung eines externen Trainers bis hin zum Dinner mit Ehepartner, um zu schauen, ob sich Bewerber auch stilsicher auf dem Parkett des Repräsentierens bewegen können.

Abgesehen davon, dass es hier um einen Posten geht, der mit einem Gehalt in Kanzler-Qualität vergütet wird: Diese Position ist für die Entwicklung des Landkreises zu wichtig, als dass ihre Besetzung durch Einzelinteressen - von wem auch immer - dominiert sein darf.

Es spricht daher einiges dafür, das Verfahren von vorn zu beginnen, um so neues Vertrauen aufzubauen - bei allen Seiten.

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