Es ist wohl so, dass des Lebens größter Schmerz der Schmerz um das Leben ist. Die Gefühle, die in uns durch den Verlust derjenigen Person, die wir geliebt haben, entstehen, sind kaum in Worte zu fassen, oft "unschreibbar" und "unsagbar". Wenn wir die Vorstellung zulassen, dass auch Kinder und Jugendliche nicht nur einem Unfall, sondern auch einer Krankheit, bei der jede Medizin der Welt machtlos ist, zum Opfer fallen, wenn wir bereit sind, uns zu vergegenwärtigen, dass auch in unserer modernen Zeit der Lebensmorgen schon der Lebensabend sein kann, dann spüren wir, dass für die von einem solchen Schicksal heimgesuchte Familie das Leben seinen Sinn verlieren, die Welt öde und leer erscheinen mag.

Das eigene Kind, das Geschwisterchen zu Grabe tragen zu müssen, hinterlässt meist eine lebenslange seelische Wunde, die auch die Zeit, die so vieles heilt, nicht reparieren kann. Es ist offensichtlich, dass in solchen Extremsituationen die familiären Bande zerreißen können. So gesellt sich oft zu dem schweren seelischen Leid neues Elend, nämlich das des Auseinanderbrechens der Familie.

Zirka 60 bis 70 Prozent aller Beziehungen scheitern nach einem plötzlichen Kindstod, wohl auch deshalb, weil gegenseitig Vorwürfe erhoben werden. Es ist ebenfalls nachgewiesen, dass Geschwister eines lebensbedrohlich erkrankten Kindes mit Fortdauer der Krankheit psychisch auffällig werden und sehr schnell vom "Pfad der Tugend" abkommen können. Vorwürfe der gesunden Kinder an ihre Eltern sind verständlich, denn die völlige Fokussierung der Eltern auf das erkrankte Geschwisterkind kann schnell als Liebesentzug verstanden werden und die gesunden Kinder in eine zweite ernste Lebenskrise stürzen.

Eltern werden in Seelenqual oft allein gelassen

Die Bezahlung der medizinischen Behandlung des erkrankten Kindes durch die Krankenkasse ist außerhalb jeder Diskussion. Doch in ihrer Seelenqual werden Eltern und ihre Kinder oft allein gelassen. Professionelle, langfristige psychologische Betreuung kann hilfreich sein, allerdings sehen sich hier die Kostenträger nur bedingt in der Pflicht.

So bleibt als ein wichtiges Instrument der Hilfe nur das selbstlose Engagement der Mitmenschen. Dies sollte selbstverständlich schon im Krankenhaus beginnen, zum Beispiel durch Stärkung der interfamiliären Beziehungen, durch eine sensible, ehrliche Aufklärung, durch Unterstützung beim Anschluss an Selbsthilfegruppen. Letztendlich ist es eine Frage des persönlichen Niveaus, Hilfsbereitschaft - und sei es nur durch Zuhören - gegenüber denjenigen zu zeigen, die keinen Besitz und kein Geld verloren haben, sondern etwas, was unendlich weit darüber steht: ein geliebtes Kind.

Prof. Ulrich Nellessen ist Ärztlicher Direktor des Johanniter-Krankenhauses Genthin-Stendal und meldet sich einmal im Monat an dieser Stelle zu Wort