Arneburg l Auf einer Betriebsversammlung Mitte September wurden die Mitarbeiter des Zellstoffwerkes in Arneburg darüber informiert, dass sie rückwirkend ab Anfang des Monats weniger Geld verdienen werden. Unternehmen und Betriebsrat nutzten eine Öffnungsklausel zum Tarifvertrag, der im März 2011 geschlossen worden war.

"Wir hatten ein schlechtes Jahr 2013", sagt Geschäftsführer André Listemann auf Anfrage. Es habe Liquiditätsschwierigkeiten gegeben. Es habe aber nie eine Zahlungsunfähigkeit bestanden. Mittlerweile gehe es dem Unternehmen "relativ gut", sagt der Geschäftsführer, der seit 2012 für die Firma tätig ist und ein Gespann bildet mit dem zweiten Geschäftsführer Adolf Koppensteiner.

Mercer hat 20 Millionen US-Dollar bereitgestellt

Das Unternehmen müsse jedoch sparen, so Listemann, um eine "vernünftige Anschlussfinanzierung" in den kommenden Jahren hinzubekommen. Nach Volksstimme-Informationen hat der Mercer-Konzern, zu dem das Zellstoffwerk gehört, 20 Millionen US-Dollar (etwa 15,8 Millionen Euro) bereitgestellt. "Mercer hat uns unter die Arme gegriffen", bestätigt Listemann. Es sollen weitere Zahlungen folgen.

Für die Belegschaft der Zellstoff Stendal GmbH bedeutet die neue Arbeitszeitregelung, dass derzeit statt einer wöchentlichen Arbeitszeit von 40 Stunden eine 38-Stunden-Woche gilt. Es wird eine Stunde weniger Lohn gezahlt, was eine Einbuße von 2,6 Prozent bedeutet. Ab 1.Januar wird auf eine 36-Stunden-Woche heruntergefahren. In Verrechnung mit einer vorgesehenen Lohnerhöhung zum Jahresanfang verdienen die Mitarbeiter dann effektiv 5,6 Prozent weniger als bislang. "Uns war wichtig, dass bei der Regelung auch die Geschäftsführung im selben Maße Kürzungen hinnehmen muss", sagte Jan Melzer von der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) in Magdeburg. Man habe als Gewerkschaft dem Betriebsrat einen Wirtschaftssachverständigen an die Seite gestellt, um die Zahlen der Geschäftsführung einordnen zu können.

Ursprünglich habe die Geschäftsführung den Tarifvertrag, der bis mindestens 2018 läuft, ändern wollen. Nun sei der Vertrag nur für die Zeit der Betriebsvereinbarung geöffnet worden, sagte Melzer. "Es geht darum, dem Unternehmen über eine schwierige Situation hinwegzuhelfen", sagte Melzer der Volksstimme.

Der Betriebsrat habe hervorragend agiert und klare Vorgaben gemacht, so der Gewerksschaftssekretär. Neben der Beteiligung der Geschäftsführung an den Kürzungen, werde auf betriebsbedingte Kündigungen verzichtet. Bei Umstrukturierungen und Umsetzungen müsse der Betriebsrat gefragt werden, die Zustimmung könne auch nicht durch das Amtsgericht ersetzt werden, so Melzer.

In die Regelung sind die rund 450 Mitarbeiter der Zellstoff Stendal GmbH inbegriffen. Keine Veränderung gibt es bei weit weniger Beschäftigten der Firmen Zellstoff Holz GmbH und Zellstoff Transport GmbH sowie bei den Auszubildenden. Insgesamt sind am Arneburger Standort fast 600Menschen beschäftigt. Kündigungen sind auch deshalb so gut wie ausgeschlossen, da das Land dem Unternehmen 2011 Fördermittel in Höhe von 9,16 Millionen Euro zur "Verbesserung der regionalen Wirtschaftsstruktur" gewährte und gleichzeitig eine Garantie für 425 Dauerarbeitsplätze bei der Zellstoff Stendal GmbH abverlangt hat. Die Zweckbindung gilt nach Angaben der Investitionsbank Sachsen-Anhalt bis zum Jahre 2018.

2013 wurden vier leitende Angestellte entlassen

In die finanziell missliche Lage war das Zellstoffwerk im vergangenen Jahr nach Angaben der Geschäftsführung durch eine ungünstige wirtschaftliche Entwicklung geraten. Die Holzpreise seien "mächtig gestiegen", auch weil das EEG eine Förderung von Biomasseanlagen begünstigte, sagte Geschäftsführer André Listemann. Gleichzeitig konnten nur geringere Erlöse für Zellstoff erzielt werden. Mittlerweile hätte sich die Preise wieder besser entwickelt.

Nach Angaben von Gewerkschaftler Jan Melzer habe es seit Ende 2013 innerhalb der Belegschaft eine größere Unruhe gegeben. Im Dezember waren vier leitende Angestellte durch Freistellungs- und Aufhebungsvereinbarungen entlassen worden.