Stendal l An kaum einer Frage scheiden sich so sehr die Geister. Soll es für Kinder Pflichtimpfungen geben oder nicht? Ja, sagen die einen. Gerade in Kindertagesstätten sei die Ansteckungsgefahr groß, eine Grundimmunisierung könne das Risiko mindern. Nein, sagen die anderen. Zu undurchsichtig seien die Nebenwirkungen der Medikamente, außerdem obliege die Entscheidung darüber den Eltern. In geltendes Elternrecht dürfe man nicht eingreifen. Massive Gegner sprechen sogar von Körperverletzung, wenn es ums Impfen geht.

Vorsichtige Reaktionen im Landkreis Stendal

Mit der Einführung der indirekten Impfpflicht hat eine Kindertagesstätte in Halle auch im Landkreis Stendal eine Diskussion entfacht, wenn auch nur eine verhaltene. Ärzte und Kommunen äußern sich nur knapp zur Idee der verpflichtenden Grundimmunisierung für Kinder und verweisen auf die Leitlinien des Robert-Koch-Institutes (RKI) in Berlin. Die Kommission empfiehlt unter anderem, Kinder gegen Hepatitis B, Influenza (Grippeschutz) und seit 2013 auch gegen den Rotavirus (führt zu Magen-Darm-Krankheiten) impfen zu lassen. "Regelimpfungen sollten nach den Vorgaben der ständigen Impfkommission des Robert-Koch-Institutes durchgeführt werden", kommentiert Dr. Hans-Peter Sperling, Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin des Johanniter-Krankenhauses in Stendal. Ob es allerdings eine verbindliche Impfpflicht für Kinder in Kindertagesstätten geben soll, dazu positioniert er sich nicht.

Nachfragen beim Gesundheitsamt Stendal führen zu dem gleichen Ergebnis. Amtsleiterin Dr. Iris Schubert verweist erst auf die Empfehlungen des RKI, dann auf das Recht der Eltern, selbst für ihre Kinder zu entscheiden, solange es keine anderslautende gesetzliche Regelung gibt. "Wie ich mich selbst dazu positioniere, ist meine private Meinung", lässt sie am Telefon durch eine Mitarbeiterin ausrichten. Die Stadt Stendal als Träger kommunaler Einrichtungen ist nicht einmal über den Impfstatus der Kita-Kinder informiert. "Ein Untersuchungsheft wird bei Aufnahme in eine Einrichtung auf der Grundlage gesetzlicher Vorgaben gefordert, der Impfstatus ist allerdings dort nicht vermerkt", erklärt Klaus Ortmann, Pressesprecher der Stadt Stendal. Das Kind, für das ein Aufnahmeantrag in eine Kita gestellt wird, muss einen ärztlichen Nachweis vorlegen, dass es gesund ist. Ob es geimpft ist oder nicht, spielt dabei keine Rolle. "Dennoch wäre ein umfassender Impfschutz bei den Kindern, die unsere Einrichtungen nutzen, wünschenswert", ergänzt Klaus Ortmann. Diese ist aber gesetzlich nicht verankert. Die Kinder ausreichend zu immunisieren, liegt bisher im Ermessen der Eltern.

Umfassender Impfschutz wäre wünschenswert

Wie sich die Situation in der Praxis auswirkt, weiß Anke Kröning, Leiterin der kommunalen Kita Märchenland. "Ich finde das sehr problematisch", sagt sie. "Erst kürzlich habe ich erfahren, dass ein Kind in unserer Einrichtung überhaupt nicht geimpft ist. Es ist bisher noch nichts passiert, aber im vergangenen Jahr gab es bei uns die Situation, dass der Verdacht auf Mumps bestand. Das breitet sich doch auf die anderen Kinder und die Erzieher aus", sagt sie. Die Erzieher in den Einrichtungen sind übrigens auch geimpft, gegen Hepatitis B und auf Empfehlung (nicht als Forderung) der Betriebsärztin auch gegen Keuchhusten. "Der Verlauf einer solchen Krankheit ist doch weitaus schlimmer als die Nebenwirkung einer Schutzimpfung. Das sollte man doch bedenken", findet Anke Kröning. Das unterstützt auch Hans-Peter Sperling. "Risiken und Nebenwirkungen von Impfungen sind als äußerst gering einzuschätzen", erklärt er mit einem Verweis auf die Internetseiten des Robert-Koch-Institutes. Hier werden Rötungen, Schwellungen und Schmerzen an der Impfstelle angegeben, aber auch Allgemeinreaktionen wie Fieber, Kopf-und Gliederschmerzen und Unwohlsein - Nebenwirkungen, die eintreten können, aber nicht müssen.

Das Risiko der Folgeerscheinungen bei Krankheiten wie Diphterie oder Tetanus sei weitaus höher, bestätigt Sperling. "Die Folgen exemplarischer Krankheiten sind erheblich", erklärt er. "Die Todesrate bei Diphterie liegt bei 10 bis 20 Prozent, bei Tetanus bei 20 bis 30 Prozent. Besonders gefürchtet ist eine Hirnhautentzündung infolge einer Masernerkrankung mit einer hohen Häufigkeit von 1:1000."

Was also bleibt zu tun, um die Gefahr einer Epidemie zu mindern und trotzdem den Kindern soviel Schutz wie möglich zu bieten, ohne in geltendes Elternrecht einzugreifen? "Es sollte der Aufklärung und damit Überzeugung der Eltern größeres Augenmerk geschenkt werden", findet Angela Vogel, Pressesprecherin des Landkreises Stendal. "Es bleibt wohl an den Ärzten hängen, immer wieder beratend auf die Eltern einzuwirken", sagt Anke Kröning. Aus ihrer Erfahrung in Zusammenarbeit mit Kinderärzten aus Stendal habe das bisher immer Anreize zum Impfen gegeben.

Impfpflicht wird nicht eingeführt

Dennoch, die Einführung einer Impfpflicht ist im Landkreis Stendal bisher nicht vorgesehen. "Ein Handlungsbedarf lässt sich aufgrund der gesetzlichen Regelungen nicht begründen", erklärt Klaus Ortmann. Und auch der Landkreis Stendal beruft sich auf geltendes Elternrecht, sieht einen umfassenden Impfschutz jedoch als wünschenswert an. Wenigstens darin besteht Einigkeit.

Und so wird die Diskussion um die Einführung einer Impfpflicht für Kita-Kinder weitergehen. Bis sich vielleicht eine weitere Einrichtung entschließt, eigene Regeln aufzustellen.

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