Wenn es um Arbeitnehmerbelange in der Landwirtschaft geht, ist Joachim Müller seit Jahren deren Stimme nicht nur aus der Altmark, sondern aus Ostdeutschland. Denn der Bretscher ist Mitglied im Vorstand der Bundesfachgruppe Landwirtschaft und Forsten der Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt (IG BAU).

Bretsch l Im kommenden Jahr kann Joachim Müller feiern - seine 50-jährige Mitgliedschaft in der Gewerkschaft. Für den heute 66-Jährigen, der auf dem Gut in Bretsch seinen Beruf gelernt hat, im Alter von 25 Jahren seinen Melker-Meisterbrief in der Tasche hatte, im Fernstudium Agraringenieur wurde und bis zur Wende für die Hochleistungsherde in Bretsch verantwortlich war, begann die aktive Gewerkschaftsarbeit nach der Wende.

Denn es ging um die Zukunft des Betriebes, um Arbeitsplätze - seinen und die von Kollegen. Nachdem er in der Volksstimme einen Beitrag über Betriebsräte gelesen hatte, war er von der Idee, selbst aktiv zu werden, begeistert. "Mit Gleichgesinnten haben wir einen Betriebsrat gegründet", erinnert sich der Bretscher an seine ersten Schritte als aktiver Gewerkschafter und fügt hinzu: "Und wir waren relativ erfolgreich." Fast alle gingen mit einer Abfindung, als der Betrieb abgewickelt und später privatisiert wurde. Er selbst war bis 2003 auf dem Gut beschäftigt, anschließend wechselte er zum Agrarbetrieb nach Lückstedt.

Mitglied auch in der Tarifkommission

Joachim Müller hat in verschiedenen Gewerkschaftsgremien mitgearbeitet, auch als Vorsitzender im Regionalbeirat und der mittel- und ostdeutschen Arbeitnehmervertretung sowie als Vertreter der Arbeitnehmer in der Berufsgenossenschaft und im Renten- und Widerspruchsausschuss. Anfangs war er engagiert in der Gewerkschaft Gartenbau, Land- und Forstwirtschaft (GGLF), deren Eigenständigkeit 1996 endete. Seither macht der "grüne Bereich" seine Gewerkschaftsarbeit in der IG BAU.

Aktuell gehört er zu den sechs Mitgliedern des Vorstandes der Bundesfachgruppe Landwirtschaft und Forsten der IG BAU. Weil er jetzt im Ruhestand ist, wird er für die nächste Wahlperiode aber nicht mehr kandidieren. Seit den 1990er Jahren ist er Mitglied in der Fachgruppe, anfangs als einziger Ostdeutscher, heute als einziger aus Sachsen-Anhalt. Und damit gehört er zur Bundestarifkommission, die zuständig ist für die Tarife und damit auch für den Mindestlohn. Der wird für Beschäftigte der Land- und Forstwirtschaft sowie im Gartenbau ab Jahresbeginn 2015 bei 7,40 Euro (West) und 7,20 Euro (Ost) liegen. Im Folgejahr geht es dann hoch auf 8 Euro (West) und 7,90 Euro (Ost), bevor ab 2017 ein bundeseinheitlicher Mindestlohn von 8,60 Euro gilt, der im November 2017 auf 9,10 Euro steigen soll. "Es war wichtig, dass wir eine Einigung bekommen und damit erstmals einen bundeseinheitlichen Tarif", sagt Joachim Müller. Zwischen den einzelnen Bundesländern gibt es bisher deutliche Unterschiede bei den Tarifen. Nun werden überall die gleichen Löhne gezahlt im Niedriglohnbereich. "Das war unser wichtigstes Ziel, darum haben wir auch ein paar Kröten geschluckt", erklärt Müller und verweist auf die Ost-West-Differenz für die ersten beiden Jahre und die Differenz der Löhne in dieser Zeit zum gesetzlich festgelegten Mindestlohn von 8,50 Euro, was für die Arbeitgeber Lohneinsparungen in Millionenhöhe bedeutet.

Die Einführung des Mindestlohnes verteidigt er gegen Kritiker, zum Beispiel aus der Obst- und Gemüsebaubranche. Von dort "gab es die meisten Widerstände", so Müller, und gebe es aktuell die Forderung, Saisonkräfte nach ihrer Leistung zu bezahlen und nicht mit einem festen Stundenlohn. Diesen Unterschied möchte Joachim Müller nicht. Er spricht von Chancengleichheit und davon, dass "saisonal beschäftigt Tätige keine minderwertigen Arbeitnehmer sind, sondern gleichberechtigt. So sollen sie auch behandelt und bezahlt werden".

Bei gleichem Lohn ist der Arbeitsort egal

Dass es zum Beispiel Apfelproduzenten derzeit schwer haben, ordentliche Einnahmen zu erzielen - wegen der Sanktionen gegen Russland wird der Markt zurzeit mit preiswerten Äpfeln aus Polen überschwemmt - liege an "politischen Entscheidungen, da kann der Arbeitnehmer nichts dafür". Im Mindestlohn sieht der Bretscher aber auch eine Chance für die Betriebe, Saisonarbeiter zu bekommen. Denn wenn sie, egal wo sie arbeiten, den selben Lohn bekommen, gehen sie nicht mehr in andere Bundesländer oder europäische Nachbarländer, weil es dort einen besseren Verdienst gibt.