Stendal l Für gewöhnlich gilt auf Bundesstraßen außerhalb geschlossener Ortschaften Tempo 100. In Kreuzungsbereichen oder an anderen brisanten Stellen wird die Geschwindigkeit auch schon mal auf 70 km/h gedrosselt. So weit, so gut.

Fordert ein Schild am Straßenrand von den Verkehrsteilnehmern allerdings, nicht schneller als 50 Stundenkilometer zu fahren - sei es auch "nur" bei Nässe - ist das außergewöhnlich. Der Laie vermutet vielleicht Spurrillen im Asphalt, die ihn auf nasser Fahrbahn in die Bredouille bringen könnten.

Doch die gibt es auf der Bundestraße 189 im Bereich zwischen der Lüderitzer Kreuzung und dem Buchholzer Ortseingang nicht. Eine schnurgrade Asphaltpiste, etwas hügelig zwar, aber eben und in optisch bestem Zustand, da vor wenigen Wochen erst grundhaft saniert. Trotzdem gilt auf diesen vier Bundesstraßenkilometern, falls sie nass sind, Tempo 50. Warum?

Die Pressestelle des sachsen-anhaltischen Verkehrsministeriums verweist auf Nachfrage der Volksstimme an Gerhard Bischof. Er ist Geschäftsführer einer Ingenieurgesellschaft für Baustoffe und Bautechnik. Eine der Professionen von Gerhard Bischof und seinen Mitarbeitern ist das Prüfen von Straßen, zum Beispiel nach deren Sanierung.

Nach einem Winter ist der Film in der Regel weg

Mit eben diesen Prüfungen hatte die Landesstraßenbaubehörde Bischofs Firma für den sanierten Bundesstraßenabschnitt im Süden des Landkreises Stendal beauftragt, noch vor der Bauabnahme. Aus den Ergebnissen ihrer Prüfungen leiten die Fachleute um Gerhard Bischof Empfehlungen ab, die dem Bauträger übergeben werden.

Das Ergebnis in diesem Fall: Der Straßenbelag unterschreitet die für die Griffigkeit vorgeschriebenen Werte. Simpel gesagt: Die Straße ist zu glatt. Den Grund sieht der Fachmann in der zu starken Verdichtung der Fahrbahn. Wird der Asphalt beim Einbau nicht genügend verdichtet, bleibt er porös. Hohlräume entstehen, in die Wasser eindringen kann. Die Folge: Straßenschäden, für welche die Straßenbaufirma in Regress genommen wird. "Also sind die Baufirmen bemüht, möglichst dichte Beläge abzuliefern", erklärt Bischof.

Doch auch hier gibt es augenscheinlich ein Zuviel des Guten. Bei zu starker Verdichtung wird Bindemittel aus dem Bitumen an die Ober- fläche der Straße gepresst und kann dort einen hauchdünnen Film bilden. So geschehen auf der Bundesstraße 189 zwischen der Lüderitzer Kreuzung und Buchholz. Das beeinträchtigt wiederum die Griffigkeit der Straße. Nachgewiessen haben Bischof und seine Kollegen das mit dem SKM-Verfahren. Ein speziell ausgerüstes Fahrzeug befährt die Straße und prüft dabei mittels dieses Messverfahrens die Griffigkeit des Belags, über den es rollt. "Der Grenzwert für Asphalt wurde unterschritten", begründet Bischof, warum seine Firma die Tempo-50-Empfehlung bei Nässe gab. Das Landestraßenbauamt setzte sie um, stellte die Schilder auf.

Doch soll das kein Dauerzustand bleiben. "Nach unseren Erfahrungen ist dieser Bindemittelfilm nach einem Winter weg und die Griffigkeit der Straße verbessert sich", sagt Bischof.

Sollte diese Rechnung nicht aufgehen, muss die Fahrbahndecke auf der B 189 nachbehandelt werden - nach dem nächsten Winter.