Die Evangelische Kita Stendal wurde im Oktober 1839 als "Kleinkinderbewahranstalt" gegründet und war damit einer der ersten Kindergärten Deutschlands. Nora Knappe sprach mit Leiterin Brigitte Genz (46) über Besonderheiten der Kita, die Rolle der Religion im Alltag und über ihre Erinnerungen an ihre eigene Kindergartenzeit.

Die Evangelische Kita Stendal ist mit ihren 175 Jahren nicht nur der älteste Kindergarten der Stadt, sondern auch einer der ältesten in Deutschland überhaupt. Bringt das eine besondere Verpflichtung mit sich?

Brigitte Genz: Das ist für uns ein ganz großer Wert, und wir sind wirklich stolz darauf, hier zu arbeiten: in der ältesten Kita der Stadt, die sich auch immer noch am selben Standort befindet wie zur Gründung. Es gibt immer wieder neue Herausforderungen und hohe Anforderungen, alles ist ständig im Fluss. Innerhalb christlicher Traditionen und durch Rituale im Alltag bewahren wir uns eine Stetigkeit. Jeden Tag, wenn ich zur Arbeit gehe, denke ich: Was für ein tolles Gebäude, was für eine geschichtsträchtige Arbeitsstelle! Und ich freue mich auf jeden Tag neu.

Wie viele dieser 175 Jahre haben Sie miterlebt und wie sind sie Ihnen in Erinnerung?

Ich arbeite seit 16 Jahren hier, davon fast vier als Leiterin. Es war auf jeden Fall eine sehr wandlungsreiche Zeit. Nach dem Um- und Neubau 1997 veränderten sich die Gruppenstrukturen und die Konzeption. Sehr viel Unruhe gab es 2003 mit der Einführung des Kinderförderungsgesetzes, weil es mit immensen Einsparungen und Kürzungen im Personalbereich verbunden war. Das Bildungsprogramm "Bildung: elementar - Bildung von Anfang an" wurde 2004 eingeführt, wir mussten uns auf mehr Dokumentation einstellen. Aber es ist uns gelungen, alles mit dem vorhandenen Personalbestand umzusetzen und dabei die Qualität zu wahren.

Was bedeutete für Sie der Schritt, im Januar 2011 die Leitung zu übernehmen?

Ich war zu diesem Zeitpunkt mitten im berufsbegleitenden Studium für Kitaleiter. Und auch wenn ich schon einige Jahre die Stellvertretung inne hatte, war es doch etwas Neues, aus der Leitungsposition heraus bestimmte Prozesse anzuregen, Impulse ins Team zu bringen und die Hauptverantwortung zu tragen. Das Studium hat mir beruflich wie persönlich aber viel gebracht, vor allem in Sachen Personalmanagement, Verwaltung und auch für mein pädagogisches Wissen. Außerdem war der Austausch mit anderen Kita-Leiterinnen sehr bereichernd.

Welche Rolle spielt der religiöse Aspekt im Kita-Alltag?

Die Kita war von Anfang an evangelisch geprägt, und das zieht sich auch heute noch wie ein roter Faden durch den Tag. Angefangen vom Gebet am Morgen über christliches Liedgut, Bibelgeschichten bis hin natürlich zum christlichen Welt- und Menschenbild, das unser Handlungsleitfaden ist. Die Vermittlung der christlichen Werte ist uns enorm wichtig. Die Religionspädagogik ist unsere Beständigkeit und unser Ruhepol. Wer sein Kind zu uns gibt, tut es bewusst, möchte seinem Kind eine christliche Erziehung angedeihen lassen. Aber nicht jedes Kind, das bei uns ist, ist getauft.

Welchen Anspruch haben Sie in der täglichen Arbeit, in der Erziehung der Kinder?

Unser Leitbild in Bezug auf die Kinder ist: "Du bist ein Geschenk Gottes. Komm, wir gehen deinen Weg." Wir sagen: Jeder Mensch ist einmalig und ganz individuell, wir akzeptieren, dass jedes Kind verschieden ist. Das gilt übrigens auch für Eltern und Mitarbeiter - jeder hat individuelle Bedürfnisse und Ansprüche. Dem wollen wir gerecht werden. Kinder haben so viele Wünsche und Ideen, alles, was sie bewegt, bringen sie in die Kita mit. Darauf gehen wir ein, darauf reagieren wir und lassen die Kinder eben auch mitbestimmen. Für mich ist es ein großer Anspruch, dass wir Kinder und Eltern kompetent pädagogisch und menschlich begleiten.

Aber ich bin ganz ehrlich: So gut wir auch bemüht sind - auch bei uns ist nicht immer alles harmonisch. Steine auf dem Weg müssen beachtet, der Weg muss geebnet werden. Dann heißt es für uns, bestehende Strukturen aufzubrechen und zu verändern.

Hat sich, mal abgesehen von der religiösen Komponente, aus den 175 Jahren noch etwas bis heute erhalten?

Oh ja, es gibt überlieferte Spiele und Reime, die sind noch erhalten. Darunter auch handgeschriebenes Liedgut aus den 60er Jahren. Das nehmen wir immer wieder zur Hand.

"Ich war gar nicht so gern im Kindergarten."

Welche Erinnerungen haben Sie an Ihre eigene Kindergartenzeit?

Oh, ich war gar nicht so gern im Kindergarten, wollte immer lieber zu Hause bleiben. An die Kindergartenzeit habe ich eigentlich keine besonderen Erinnerungen. Aber ich habe noch den Geruch von Malzkaffee in der Nase, den ich gar nicht mochte, ebenso wenig wie die Stullen in meiner Brottasche.

Was macht Ihnen persönlich Freude an Ihrer Arbeit in der Kita?

Vor allem sind es das Miteinander und das gute Gefühl, mit für eine gesunde Gemeinschaft zu sorgen. Jeder Tag ist spannend, und wenn Eltern Anregungen oder Kritik haben, dann sind das gute Punkte für mich, wo ich ansetzen kann in der täglichen Arbeit. Auch wenn ich keine eigene Gruppe mehr leite, helfe ich doch in den Gruppen aus. Und ich öffne fast jeden Morgen unsere Krippen- gruppe. Den Bezug zu den Kindern möchte ich nicht missen. Mir liegt viel daran, für die Kinder und auch Eltern da zu sein.

Was bedeuten Ihnen Kinder im Leben? Haben Sie eigene?

Ich habe zwei Kinder, meine Tochter ist 24, mein Sohn 22. Kinder sind mein großer Mittelpunkt, die Entwicklung beeindruckt mich immer wieder. Jedes Kind ist anders, und ich finde es wunderbar, dass wir sie auf ihrem Weg begleiten dürfen.

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