Stendal l Dass sie mit einem Hauptschulabschluss die Schule verließ, ist schon einige Jahre her. Dass sie nicht gleich im Anschluss und auch in den Folgejahren mit einer Ausbildung begonnen hat, habe an "Schicksalsschlägen" gelegen, sagt die heute 25-Jährige. Früher wollte Denise Kühn Kinderpflegerin werden, hat sich darin ausprobiert und erkannt: "Das ist nicht mein Ding." Dann wurden ihre Kinder geboren, die heute achtjährige Tochter und der vierjährige Sohn. Im vorigen Jahr hat sich die alleinerziehende Mutter dann "aufgerafft", wie sie es selbst beschreibt, und ist zur Arbeitsagentur gegangen. Von dort wurde sie in eine berufsvorbereitende Maßnahme im Jugendförderungszentrum Gardelegen vermittelt. Verwaltungsarbeit konnte sie ausprobieren und Hauswirtschaft. "Das war beides nichts für mich. Aber im Metallbau habe ich mich gleich wohlgefühlt", sagt die junge Frau.

Während der Berufsvorbereitung absolvierte Denise Kühn ein dreiwöchiges Praktikum bei der Firma NTN Antriebstechnik GmbH in Gardelegen - und hat damit überzeugt. In der Führungsetage waren sich alle schnell einig: Der jungen Frau müssen wir eine Chance geben. "Nach dem Praktikum haben wir sie dann für einen Monat eingestellt, damit sie uns nicht wieder durch die Lappen geht", berichtet Astrid Engelhardt, Personalleiterin der Firma NTN. Und es folgte der nächste Schritt: Die 25-Jährige bekam einen Ausbildungsplatz. Und das, obwohl alle Lehrstellen besetzt waren. Astrid Engelhardt: "Wir haben für sie extra noch eine Ausbildungsstelle geschaffen."

Seit dem 1. August wird Denise Kühn zur Maschinen- und Anlagenführerin im Bereich Metall/Kunststoff ausgebildet. Nach der zweijährigen Ausbildung kann diese für den Bereich Zerspanungstechnik erweitert werden.

"Bei den Metallberufen ist sie eine Exotin" - Astrid Engelhardt, Personalchefin

Auszubildende bei NTN sind nichts besonderes, Denise Kühn ist es schon: "Sie ist der erste weibliche Auszubildende bei uns. Bei den Metallberufen ist sie schon eine Exotin", sagt Astrid Engelhardt. Sie ist aber auch die Erste dort, die eine zweijährige Ausbildung macht und die den Beruf der Maschinen- und Anlagenführerin erlernt. Die anderen Azubis wurden in dreieinhalb Jahren zu Zerspanern. Die Firma hat derzeit rund 160 Mitarbeiter, darunter zehn Frauen, zwei von ihnen in der Produktion. Denise Kühn fühlt sich dennoch wohl: "Handwerkliches hat mich schon immer interessiert, zu Hause mache ich auch alles selbst."

Während sie zur Berufsschule nach Salzwedel fährt - in ihrer Klasse ist sie ebenfalls die einzige Frau -, absolviert die 25-Jährige den Praxisteil im ersten Jahr komplett bei der Berufsbildungsakademie (BBA) "Altmark" am Akazienweg in Stendal. Denn dort findet sie in der Metallwerkstatt und in der Automatisierung beste technische Voraussetzungen. "Es ist ein Vorteil für viele Unternehmen, dass bei uns die Maschinen für die Ausbildung vorhanden sind", erklärt Detlef Prigge, Leiter des gewerblichen Bildungszentrums der BBA.

Einige Unternehmen könnten nicht ausbilden, wenn sie für die Praxis nicht solche Bildungsträger hätten. Auch die NTN Antriebstechnik nicht, denn um etwas zu erklären oder auszuprobieren, könnten nicht einfach mal die Maschinen gestoppt werden, sagt die Personalleiterin. Darum arbeitet das Unternehmen wie rund 50 weitere Betriebe mit der BBA zusammen - für die komplette Ausbildung, für einzelne Abschnitte oder nur zur Prüfungsvorbereitung.

"Ich lerne, wenn die Kinder im Bett sind" - Denise Kühn, Auszubildende

Leichter ist es für Denise Kühn mit der Ausbildung nicht geworden. "Zum Lernen komme ich erst, wenn die Kinder im Bett sind", sagt sie und fügt entschlossen hinzu: "Ich möchte das aber schaffen." Wenn es mit den schulischen Leistungen klappt, hat sie eine Stelle bei NTN sicher. Und weil das Unternehmen fest damit rechnet, habe es schon Gespräche darüber gegeben, wie Arbeitszeiten familienfreundlich organisiert werden können. "Bei uns läuft gerade der Umdenkungsprozess, dass Frauen genauso wertvolle Arbeitnehmer sind wie Männer", sagt die Personalleiterin.

Gute Wünsche für die Ausbildung gab es für Denise Kühn am Montag von Markus Nitsch, Chef der Stendaler Arbeitsagentur: "Sie sind ein gutes Beispiel dafür, dass auch junge Erwachsene noch eine Ausbildung machen können." Seit Anfang 2013 gibt es die Initiative "Erstausbildung junger Erwachsener", die Menschen bis 35 Jahren ohne Berufsausbildung eine Chance gibt. Eine Chance nicht nur für die jungen Leuten, sondern auch für Unternehmen selbst. "Man muss immer an die Nachfolgeplanung denken", sagt Astrid Engelhardt mit Blick auf den Fachkräftemangel.