Im Vorjahr der vielleicht mystischste Berg der Alpen, nun der höchste Gipfel der Schweiz. Nachdem Thomas Soliga vor rund einem Jahr das Matterhorn bestieg, stand er vor wenigen Wochen auf der 4634 Meter hohen Dufourspitze.

Stendal l "Das war der Hammer! Die Aussicht war atemberaubend. Die Sicht betrug so um die 100 Kilometer. Zu meinen Füßen lagen zahlreiche Viertausender. Das war einfach nur Hammer", schwärmt Thomas Soliga, wenn er von seinem jüngsten Bergerlebnis erzählt. Ende August bestieg der Arzt, der in Stendal lebt und praktiziert, die Dufourspitze. Sie ist mit ihren 4634 Metern nicht nur der höchste Gipfel des Monte-Rosa-Massivs, sondern der gesamten Schweiz.

Für Thomas Soliga stellt der Alpengipfel zwar einen Höhenrekord dar, war aber "nur" Zugabe. Seinen Lebenstraum hatte er sich nämlich bereits ein Jahr zuvor erfüllt, als er ebenfalls in der Schweiz das Matterhorn (4478 Meter) erstieg, worüber er damals in der Volksstimme berichtete und was die Lust auf Bergtouren schürte. So startete er mit Ehefrau Regine in diesem Jahr zum Sommerurlaub erneut ins Alpenland. Zwar mit Weisshorn (4505 Meter) und Dufourspitze im Hinterkopf, aber ohne festen Plan, wie der 53-Jährige erzählt. Zumal ein aus ein bergsteigerischer Sicht "schlechter Sommer mit viel zu viel Schnee" Tourenpläne vereitelte.

Urgroßvater des Bergführers begleitete Erstbesteiger

Doch der Altmärker war im Glück. Er erwischte tolles Wetter, entschied sich kurzfristig für eine anspruchsvolle Gipfelbesteigung und buchte einen Bergführer. Bei solchen Touren möchte Thomas Soliga auf einen kundigen Führer nicht verzichten. "Wir mussten unter anderem über Gletscher. Da sollte man sich sichern. Mein Leben ist mir schon wichtig", begründet er. Bergführer Thomas Zumtaugwald war dabei nicht nur kompetenter Begleiter, sondern auch gutes Omen. Er ist nämlich ein Urenkel des Zumtaugwald, der den Briten Charles Hudson 1855 bei der Erstbesteigung begleitete.

Die erste Etappe bildet nach einer Fahrt mit der Bergbahn der Marsch zur Monte-Rosa-Hütte, die sich auf 2883 Metern befindet und mit ihrer solarbetriebenen Heizung und Warmwasseranlage als modernste Berghütte in den Alpen gilt. Dort verbrachten Soliga und sein Bergführer die Nacht. Eine kurze Nacht. Nach einem Frühstück mit Müsli, Honigschnitten und Kaffee begann das Gipfelunternehmen nämlich um 2.30 Uhr. Im Schein der Stirnlampen ging es nach oben. Inzwischen zu dritt. Der Seilschaft hatte sich der 21-jährige Claudio, Sohn des Hüttenwirts, angeschlossen, dessen bisherige Dufourspitzen-Versuche gescheitert waren.

Nach rund einer Stunde erreichte das Trio einen Gletscher. "Das war, als würde jemand den Kühlschrank aufmachen. Die Temperatur fiel von einem auf den anderen Moment von 0 auf etwa minus 15 Grad", blickt Thomas Soliga zurück. Auf Steigeisen und mit einer zusätzlicher Kleidungsschicht ging es weiter. "War vor einem Jahr am Matterhorn vor allem das Klettern gefragt, war diesmal Kondition gefordert. Es gab zwar steile Passagen, die wir am Fixseil erstiegen, aber der tiefe Schnee, in den wir mitunter knietief einsackten, war kraftraubend", berichtet der Stendaler. Die Pausen seien nur kurz gewesen. "Wir wollten im Rhythmus bleiben, und es war eiskalt, zu kalt für lange Stopps", so Thomas Soliga.

Entspannung in der Wanne und auf dem Pollux

Kurz vor 9 Uhr und damit nach mehr als sechseinhalb Stunden standen er und seine Begleiter auf dem Gipfel der Dufourspitze. In Jubelstimmung. Natürlich. Für Bergführer Zumtaugwald sei es ja in erster Linie Job gewesen, aber der junge Claudio sei ganz aus dem Häuschen gewesen, erzählt Soliga. So sei aus geteilter Freude doppelte Freude geworden.

Zwanzig Minuten genossen sie auf dem Gipfel und die atemberaubende Aussicht. Beim Abstieg habe der Bergführer "richtig Ballett gemacht", berichtet Soliga. Schließlich lag nach dem Aufstieg noch ein langer Tag vor ihnen. Nach vier Stunden waren sie zwar wieder in der Monte-Rosa-Hütte, wo - so Soliga - "mächtig aufgetafelt wurde", doch dann wartete noch ein dreistündiger Marsch bis zur Bergbahn auf ihn.

Zurück in der Ferienwohnung entspannte sich der Stendaler in der Wanne bei einem Bad. "Ich habe mich erstaunlich gut gefühlt", sagt der zweifache Vater, der sich vornehmlich mit Radfahren und Joggen fit hält. Wenige Tage nach der Dufourspitze erstieg er gemeinsam mit seiner Frau den Pollux, der zwar laut einem Tourenführer als bequem zugänglich gilt, aber immerhin 4092 Meter misst.

Inzwischen hat der Alltag den Arzt wieder. Geblieben vom Gipfelsturm sind Thomas Soliga ein Zertifikat, das ihm die Dufourspitzenbesteigung bestätigt, zahlreiche Fotos, unauslöschbare Eindrücke - und die Lust auf atemberaubende Bergaussichten.