Stendal l Es ist kaum zu überhören, wenn Marvin Just mit seinem VW-Golf II, den er liebevoll "Rostwita" nennt, durch die Hansestadt Stendal und Umgebung knattert. Auf den ersten Blick würde sich wahrscheinlich jeder denken, "was ist den das für `ne Karre? Die rostet ja schon". Doch wer genauer hinsieht und mit Marvin ins Gespräch kommt, wird erkennen, dass vielmehr hinter der "Rostlaube" steckt.

"Am Lack sieht man, dass das Auto gelebt hat", sagt Marvin. Und das sind nunmehr über 23 Jahre, seitdem der Golf vom Fließband gelaufen ist. Im April 2014 gelangte "Rostwita" dann in Marvins Obhut, damals war der Wagen noch himmelblau lackiert. Seitdem hat sich an dem Gefährt viel verändert. Marvin bastelte und schraubte in seiner Freizeit viele Stunden an dem Golf. Seiner Fantasie waren dabei keine Grenzen gesetzt.

"Das ist nicht nur ein Auto, das ist ein Kunstwerk!"

Eines Nachts kam dem 21-Jährigen die Idee, seinem Golf ein rostiges Kleid zu verpassen, indem er den Lack an einigen Stellen entfernte. Gezielt half Marvin noch mit Essiglösung nach. "Das Auto wirkt dadurch zwar etwas schäbig, aber auch interessanter", erklärt Marvin. Freunde hätten ihn auf den Namen "Rostwita" gebracht. Und schon war das gleichnamige Projekt geboren.

Marvin fügte dem Golf etliche Accessoires hinzu. Die Kühlerfront schmücken ein altes Hufeisen und ein Schraubenschlüssel. Auf dem Dachgepäckträger hortet er fast schon Antiquitäten wie einen alten Koffer. "Da ist nix drin, der ist nur zur Zierde", verrät Marvin. Auf Trödelmärkten oder bei Autotreffen halte er regelmäßig Ausschau nach neuem "Plunder". Den Innenraum seines Schmuckstücks hat der Stendaler mit Jutestoff dekoriert, die Türöffner bestehen aus alten Ketten, die Seitenfensterscheiben lassen sich durch metallene Kurbeln hoch und runter kurbeln. Über die Schulter schaut dem Fahrer ein auf der Rückbank sitzender großer Plüschbär. "Das ist nicht nur ein Auto, das ist ein Kunstwerk", stellt Marvin klar.

Wahrscheinlich, so schätzt der Stendaler, wird sein Kunstwerk nie ganz fertig sein. Das sei aber auch nicht nötig, denn "Rostwita" ist sein Hobby. Es macht Marvin Spaß, mit dem Fahrzeug die Aufmerksamkeit der Leute auf sich zu ziehen. Die meisten von ihnen reagierten positiv auf das Auto, musterten die Details. "Nicht am Rost lecken", warnt ein Schriftzug neben der Motorhaube, oder "Nur die Hölle liegt tiefer", ist an der Stoßstange zu lesen. "Wenn die Leute gucken und schmunzeln, freut mich das innerlich", sagt Marvin.

Allerdings scheint nicht jeder den Wagen zu schätzen. "Rostwita wurde auch schon bespuckt und mit Ketchup besudelt", erinnert sich Marvin, seitdem parke er an einer anderen Stelle.

Auch an VW-Treffen und beim Wettbewerb "Show & Shime" hat der 21-Jährige schon teilgenommen. Bis jetzt hat er dreimal den ersten Preis für die beste "Ratte" erhalten. "Den gibt es für extra schäbige Fahrzeuge", erklärt Marvin. Auf den Preis bildet er sich nichts ein, der sei "just for fun".

Ganz und gar nicht schäbig ist die Motorleistung, die Marvin noch von "Rostwita" erwarten kann. Sein Wagen sei technisch in einem Topzustand. Der Motor hat 55 PS und ist laut Marvin einer der besten, der je von VW produziert worden ist. Den TÜV habe der Golf erst im vergangenen Jahr problemlos durchlaufen. "Ein grüne Plakette bekomme ich auch bald", sagt Marvin. Allerdings gebe es keine Servolenkung oder Airbags. Außerdem habe "Rostwita" bereits 170000 Kilometer runter. Dafür sind die Reifen weiß umrandet, wie bei Oldtimern aus den 50er Jahren.

Es ist kein Zufall, dass Marvin in seiner Freizeit an einem Auto bastelt. Er ist gelernter Kfz-Mechatroniker, arbeitet derzeit bei einem Autoscheibenservice in Stendal. "Mein erster Chef damals meinte, dass ich `nen Knall habe", erinnert sich Marvin. Denn täglich fuhr er mit "Rostwita" zur Arbeit und tut das auch noch heute. Sein neuer Arbeitgeber habe kein Problem mit dem extravagantem Design des Wagens.

"Rostwita macht meiner Freundin keine Konkurrenz!"

Der VW-Golf ist nicht die einzige "große Liebe" des 21-Jährigen. Seit einigen Monaten ist er mit seiner Freundin zusammen. Sorgen müsse die sich aber keine machen. "Rostwita macht meiner Freundin keine Konkurrenz", erklärt Marvin. Doch ab und an habe schon mal der Haussegen schief gehangen, als er sich in seinem Urlaub stundenlang "Rostwita" zugewandt hatte.

Mittlerweile unternimmt das Paar regelmäßig Ausflüge mit dem Golf. Marvin selbst hat sogar schon in seinem Auto genächtigt. "Zuletzt habe ich es mir beim VW-Treffen in Borstel auf der Rückbank gemütlich gemacht", berichtet der Stendaler. Dummerweise sei damals die Batterie ausgefallen, weshalb er die Nacht etwas frieren musste. Ohnehin sei er ja viel mit dem Auto unterwegs.

Dabei entsteht so mancher Schnappschuss, den Marvin dann auf die eigens für "Rostwita" angelegte Facebookseite postet. Die Seite existiert erst seit Juli 2014 und zählt aktuell fast 3800 Likes. "Schon am ersten Tag, als die Seite online war, haben 500 Leute \'gefällt mir` geklickt", berichtet der 21-Jährige stolz. Er hätte nie gedacht, dass aus seinem rostigen Golf mal ein Facebookliebling werden würde. "Das Auto ist mittlerweile zu einem richtigen Projekt geworden."

Das Gefährt soll zudem bald Gesellschaft bekommen. Marvin will sich in naher Zukunft einen Golf III zulegen. Dieses Modell fuhr er schon, bevor an Rostwita überhaupt zu denken war. Den Golf III hatte er auch schon um 130 Millimeter tiefer gelegt und mit pinken Felgen versehen. "Nach einem Motorschaden musste ein neues, altes Auto her", erinnert sich Marvin. Und so vermittelte ihm ein Bekannter den Golf II.

Das war genau Marvins Ding, schon lange hatte er sich einen Golf II gewünscht. "Das Auto ist einfach Kult", bemerkt der Stendaler. Auf die Frage, ob sich Marvin denn auch an einem Trabant versuchen würde, antwortet der 21-Jährige: "Das könnte ich mir schon vorstellen. Wäre eine neue Herausforderung."

Auf Rostwitas Facebookseite erwarten Euch weitere Bilder und Infos zu Marvins Gefährt(in): https://www.facebook.com/pages/Rostwita/333847523445080?fref=ts

   

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