Volksstimme: Frau Louisan, Sie feiern in diesem Jahr zehnjähriges Bühnenjubiläum. Was bedeutet Ihnen das?
Annett Louisan
: Auf der einen Seite bin ich stolz auf diese Dekade, vor allem in der heutigen Zeit innerhalb der Popmusik. Man hat immer das Gefühl, in drei Jahren hat sich schon alles verändert. Aber Jubiläen haben auch etwas Melancholisches. Ich habe mein Jubiläumskonzert in Hamburg gespielt. Das ist etwas ganz Besonderes, weil in Hamburg alles begann.

Gibt es in Ihrer Karriere Momente, an die Sie sich besonders gerne erinnern?
Ja, natürlich. Wenn ich zurückdenke, wie viel Bühnenangst ich anfangs hatte. Ich bin jetzt aber unheimlich froh, dass das so war, weil ich dadurch viel Erfahrung sammeln konnte.

Wie überschreitet man die Grenze zwischen Freizeitmusik und professioneller Bühnenmusik?
Ich habe immer schon eine sehr spezielle Stimme gehabt. Und einige Demos habe ich dann einfach an einen Verlag geschickt. Dieser war aber nicht an den Songs interessiert, sondern an mir und meiner Stimme. Und dann haben die mich auf meinem Weg begleitet. Ich sollte noch ein bisschen nach meiner Richtung suchen, meine Visionen vervollständigen und überlegen, wie ich klingen will. Das waren die Entscheidungen, die ich treffen musste: Dass ich auf Deutsch singen will, und vor allem: Was will ich sagen, wie will ich sein und wie will ich mich verändern?

Wie hat denn Ihre Musikkarriere angefangen?
Ich habe sehr viele Sachen für viele verschiedene Produzenten gesungen, als Background-Sängerin, als Demo-Sängerin, als Werbestimme. Das war eine sehr gute Schule für mich, da ich die Arbeit im Studio und auch meine Stimme besser kennengelernt habe.

Wie war Ihr Gefühl, als Sie gemerkt haben, dass Ihr erster Titel, "Das Spiel", Erfolg hatte?
Ehrlich gesagt, war mir klar, dass das Lied etwas ist, weil die Reaktionen darauf so unterschiedlich waren, teilweise sogar drastisch. Das war sehr polarisierend, von Jubel bis hin zu Erstaunen und Entsetzen war alles dabei.

Und dann?
Und dann bin ich einfach losgelaufen. Die ersten drei Jahre waren so vollgepackt. Damals hatte ich überhaupt kein Privatleben. Ich habe nur gearbeitet. Ich habe aber auch unfassbar viel Energie gehabt, wie ein Glücksmotor, der einen treibt.

Sie sind gebürtige Altmärkerin, kommen ursprünglich aus Schönhausen. Welchen Kontakt haben Sie denn noch in die Altmark?
Einige Familienmitglieder wohnen dort noch. Ich bin leider sehr selten in der Gegend und freue mich deshalb besonders auf das Konzert in Magdeburg. Da werde ich dann hoffentlich auch ein paar Tanten und Onkel wiedersehen.

Was bedeutet für Sie Heimat? Ist das der Ort wo Sie sind, wo Sie herkommen oder dort, wo Sie sich gerade wohl fühlen?
Für mich ist die Heimat inzwischen Hamburg. Ich wohne dort seit über 20 Jahren. Ansonsten bin ich ja in Havelberg geboren, in Schönhausen bis zu meinem 12. Lebensjahr groß geworden. Ich habe den Osten und auch die Altmark in mir und fühle mich dem auch noch sehr verbunden. Ich bin aber genauso stark von Hamburg geprägt. Allerdings den Fluss habe ich ja nicht gewechselt, die Elbe ist immer noch die Gleiche.

Haben Sie noch besondere Erinnerungen an Ihre Kindheit in der Altmark?
Ich kann mich an die Schulküche erinnern und an die Milch, die wir uns aussuchen konnten. Ich glaube, es war Vanille, Erdbeere und Schoko. Ich war der Vanille-Typ. Ich habe viele sehr schöne Erinnerungen an meine Kindheit, aber auch ein paar nicht so schöne.

Was denn, zum Beispiel?
Die Schulbildung war gut, was für meine Persönlichkeit bis heute wichtig ist. Trotzdem gab es historische Lücken und Verklärungen. Ich kann mich noch an den starken positiven Zusammenhalt der Jungen und Mädchen in der Schule erinnern. Trotzdem war die mangelnde Meinungsfreiheit problematisch. Aber wie gesagt, ich bin kein nostalgischer Typ, ich versuche immer in die Zukunft zu schauen, aber auch die Vergangenheit nicht zu verklären. Ich bin sehr froh, dass die Mauer gefallen ist.

Worauf können sich denn ihre Fans freuen, wenn Sie am 5. November in Magdeburg Ihr Konzert geben?
Ich werde natürlich mein neues Album im Gepäck haben. Ich bin meinem Publikum auch sehr dankbar, das freut sich nämlich über neue Alben. Das schreit nicht ständig nach den alten Hits und gibt mir dadurch sehr viel Freiheit. Ich werde aber versuchen, einen Mix aus Klassikern und den neuen Songs mitzubringen.

Gibt es etwas ganz Neues?
Ich werde mit Projektionen arbeiten. Das ist relativ neu. Ich habe im letzten Jahr Filme mit einer Künstlerin aus Hamburg gedreht, die ganz toll sind und sehr atmosphärisch. Ich hoffe, dass es den Leuten gefällt.

Sind Sie sehr aufgeregt, wenn Sie in der Heimat spielen?
Ich liebe es, im Osten von Deutschland und in meiner Heimat zu spielen. Ich bekomme sehr viel Zuneigung. Aber ich habe mir den Osten auch erspielt. Ich kann mich erinnern, auf meiner ersten Tour, da waren die Säle noch nicht so voll und die Menschen recht skeptisch, was in Ordnung ist. Menschen für sich zu gewinnen ist schöner als Erwartungen nicht zu erfüllen.

Es ist ja auch eine besondere Musikrichtung...
Das stimmt. Viele haben gesagt: Das funktioniert doch live sowieso nicht. Die kann doch gar nicht singen. Dabei mache gerade ich Musik, die auf die Bühne gehört. Musik zum Zuhören und Nachdenken.

Worauf können wir uns in den nächsten zehn Jahren freuen? Haben Sie noch Ideen und Träume, die Sie unbedingt verwirklichen wollen?
Schauspielerei interessiert mich. Ich habe in den letzten Jahren gemerkt, dass mir das unheimlich viel Spaß macht, in Rollen zu schlüpfen. Ansonsten muss ich sagen: Ich weiß es nicht. Ich hoffe, ich bleibe lange gesund. Ich hoffe, ich stehe mit 80 noch auf der Bühne. Aber vielleicht bin ich mit 80 auch müde. Vielleicht kommen Schicksalsschläge dazwischen, vielleicht kommt eine Familie dazwischen. Ich weiß es wirklich nicht. Ich weiß nur, dass ich versuche, mich neuen Herausforderungen zu stellen und neugierig zu bleiben.