Wenn Sie vergangene Woche jemanden mit Schlafmaske und Blindenstock durch Stendal haben stolpern sehen, keine Sorge. Das war kein Verrückter, der sich langlegen wollte, das war ich, beim Versuch, die Verkehrssituation für blinde und sehbehinderte Menschen in der Hansestadt zu testen.

Stendal l "Was sagt ein Blinder, wenn er gegen einen Baum rennt? Das hab ich kommen sehen", witzelt Peter Tränkler vom Landesblinden- und Sehbehindertenverband (BSVSA) über seine Behinderung. Solche und ähnliche Scherze kursieren nicht nur im Verband, weiß Tränkler. Doch er und die meisten BSVSA-Mitglieder nehmen die Witzeinlagen locker.

Auch Tränkler hat sich mit seinem Schicksal abgefunden, seit drei Jahren kann er nur noch Umrisse sowie hell und dunkel erkennen. Eine angeborene Stoffwechselkrankheit zerstört seit Jahren seine Netzhaut. Eigentlich lebt der 70-Jährige in Burg bei Magdeburg, tourt aber als Umwelt- und Verkehrsexperte des BSVSA regelmäßig im nördlichen Sachsen-Anhalt umher, darunter auch in Stendal. An seiner Seite ist seit dem vergangenen Jahr Blindenhund Monty. "Ich musste ganz schön bei der Krankenkasse Druck machen, dass sie mir den Hund bezahlen", erinnert sich Tränkler. Rund 19000 Euro kostete der 13 Monate alte Labradorrüde.

Kleine Hilfen machen den Alltag erträglicher

Neben Monty, der ihn an Hindernissen vorbeiführt, hat Peter Tränkler noch eine Armbanduhr, die ihm auf Knopfdruck die Zeit ansagt. Natürlich nutzt der 70-Jährige auch einen Blindenstock. Der lässt sich beliebig vergrößern. Mit einer Kugel am Stockende fährt Tränkler über den Boden. "Das spielt sich alles in meinem Kopf ab", sagt er. Die vorhandenen Sinne schärften sich, man werde automatisch sensibler für seine Umwelt. Mit seinem Hund ist Peter Tränkler verhältnismäßig zügig unterwegs. "Monty und ich sind ein eingespieltes Team", erklärt er. Das sollte mir im späteren Selbstversuch auch bewusst werden.

Als junger Mann konnte Tränkler nur schlecht gucken, doch für den Führerschein mit 17 hatte sein Augenlicht damals noch gereicht. Als sich sein Sehvermögen rapide verschlechterte, hatte er mit der Behinderung schwer zu kämpfen. "Es nützte nichts, sich zu verkriechen. Ich musste wieder raus in die Welt", erinnert sich Tränkler. Regelmäßig fährt er beispielsweise mit dem Zug nach Magdeburg zum Kegeln, unternimmt mit dem BSVSA Urlaubsfahrten quer durch Europa.

"Ich setze mich dafür ein, dass sich die Verhältnisse im Straßenverkehr für behinderte Menschen verbessern", erklärt Tränkler. Einmal habe er sich mit dem Kopf an einem zu tief hängenden Verkehrsschild gestoßen. "Fies ist auch, wenn Akustiksignale an Ampeln auf breiten Kreuzungen unterschiedlich piepen", moniert der Rentner. Ansonsten habe sich in der Altmark und auch in Stendal viel getan.

Für wenige Minuten blind umherirren

Ob die Situation im Straßenverkehr für Blinde und Sehbehinderte in Stendal wirklich akzeptabel ist, wollte ich selbst testen. Dazu bekam ich vom BSVSA eine Schlafmaske und einen Blindenstock zur Verfügung gestellt. Im Vorfeld hatte ich mir von Betroffenen sagen lassen, an welchen Stellen Verbesserungsbedarf besteht und wo für Behinderte, denn auch ältere Leute und Gehbehinderte sind auf Erleichterungen angewiesen, schon optimale Verhältnisse geschaffen wurden.

Maske auf und los zum Schützenplatz. An der vielbefahrenen Kreuzung zwischen Arneburger und Bergstraße, so habe ich mir sagen lassen, soll es kein akustisches Signal an den Ampeln geben. Darauf habe ich normalerweise nie geachtet, doch nun höre ich es mit eigenen Ohren, nämlich nichts. "Hier muss unbedingt was passieren", sagt Peter Tränkler. Trotzdem wagen wir uns über die Straße. "Wenn der Verkehr links vorbeirauscht, können wir rüber", rät mir Tränkler. Kaum hat er das gesagt, ist er mit Monty schon auf dem Weg über die Straße. Ich greife mit dem Arm nach meinem Begleiter, doch da ist niemand. Also ertaste ich mir langsam per Blindenstock meinen Weg, immer die Angst im Nacken, die wartenden Autos könnten losfahren.

"Eigentlich warten die Autofahrer. Niemand bringt Blinde absichtlich in Gefahr", beruhigt mich Tränkler. Und dann sind wir auch schon rüber über die Straße. Auf meine spätere Anfrage bei der Stadt Stendal, warum die Ampeln nicht mit akustischen Signalen ausgestattet sind, heißt es von Stadtsprecher Klaus Ortmann: "Leider sind wir an manchen Stellen noch hinterher. Wir werden uns aber des Problems annehmen."

Weiter geht es die Bismarckstraße entlang. Hier steht vor einem Frisörsalon ein Fahrradständer direkt auf dem Fußweg. Daneben führt ein Radweg entlang. Ich setze mir wieder die Maske auf und taste mich entlang. Peter Tränkler und Monty sind schon meilenweit an dem Hindernis vorbei, als ich mit dem Stock gegen das metallene Ungetüm tippe. Zum Glück war gerade kein Radfahrer unterwegs.

Mobil sein trotz Sehbehinderung

Mit dem Fahrdienst des BSVSA fahren wir zum Hauptbahnhof. "Manchmal wird nicht angesagt, welcher Zug oder dass ein Zug einfährt", beklagt Tränkler. Ansonsten finde er sich auf den Bahnsteigen bestens zurecht. Es riecht nach Gegrilltem, in nächster Nähe steht ein Imbiss. An den Bahnsteigen weisen geriffelte Blindenleitsteine den Weg. Wenn er eine Frage hat, wendet sich Tränkler häufig an das Bahnhofspersonal oder an hilfsbereite Mitmenschen. Als zu 100 Prozent Schwerbehinderter darf er kostenlos mit Bahn und Bus fahren. "In der Bahn werden die Stationen angesagt, im Stendaler Stadtbus nicht", sagt er.

Für mich endet am Bahnhof das Experiment, sehenden Auges fahre ich zurück in die Redaktion. Mit dem größtem Respekt vor den Menschen, die sich nicht einfach eine Maske von den Augen reißen und danach wieder sehen können.

   

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