Stendal l Ingrid Lausunds "Benefiz - Jeder rettet einen Afrikaner" ist eine Satire über politische Korrektheit, "Gutmenschentum", gekränkte Eitelkeiten und wohlmeinende Spendengalas. Das Premierenpublikum hat sich am Sonnabend im Kleinen Haus prächtig amüsiert, obwohl es sich in anderthalb Stunden immer wieder an die eigene Nase fassen musste.

Diese schwarzhumorige Komödie bietet urkomische Szenen, in denen unbeschwert gelacht werden darf. Ebenso Momente, in denen dieses Lachen im Halse stecken bleibt. Zu nah dran an der eigenen Realität ist das Geschehen. Man fühlt sich ertappt bei Gedanken, derer man sich doch eigentlich schämt. Dann wieder Belustigung pur, wenn auch völlig politisch unkorrekt.

Für das Theater der Altmark hat Louis Villinger Regie geführt. Er hat die ernsten wie die leichten Momente und sogar pathetische Szenen zugelassen, was dieser Inszenierung gut tut. Sofia Mazzonis Ausstattung ist schlicht und effektiv, ihre Kostüme spiegeln die Persönlichkeiten der Charaktere wider.

Zum Inhalt: Fünf Personen planen eine Wohltätigkeitsgala für ein Schulprojekt in Guinea-Bissau und kommen zu einer der Endproben zusammen. Fünf Personen, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Da ist die taffe Karrierefrau (Annett Siegmund), der christlich geprägte Menschenfreund (Hannes Liebmann), der zynisch-coole Intellektuelle (Thomas Weber), der junge Vertreter der Generation Y (Maik Rogge) und die moralisch und ökologisch Einwandfreie (Simone Fulir).

Immer wieder Wendungen des dramatischen Bogens

Logisch, dass Streit schnell zur Stelle ist. Darf man zur Benefizveranstaltung eine Schwarze einladen? Oder macht man diese "Afro-Altmärkerin" dann zur "Pauschal-Schwarzen"? Die Gratwanderung ist gefährlich, denn überall lauern die Fettnäpfchen der politischen Unkorrektheit. Da gilt man leicht als "autoaggressiv-rassistisch". Und überhaupt: Geht es hier nicht auch um ganz andere Dinge? Oh, ja! Es geht um gekränkte Eitelkeiten, um Käsebrötchen und Kaffeekassen...

Der dramatische Bogen nimmt immer wieder eine neue Wendung. Bis hin zur echten Sinnkrise. Warum sollte man eigentlich spenden? Sind wir vielleicht nur "gedanklich alle gleich"? Haben Spenden einen Zweck? Werden wir sowieso nicht nur abgezockt von dubiosen Institutionen? Oder dient uns dieser "diffuse Generalverdacht" als bequemer Grund sich zu drücken? Warum findet man Wörter wie "Nächstenliebe" oder "Barmherzigkeit" peinlich, aber ordinäre Schimpfwörter nicht?

In "Benefiz - Jeder rettet einen Afrikaner" ist das Publikum mehr als üblicherweise in das Geschehen eingebunden. Erstens, weil es als "Probenpublikum" dient, zweitens, weil es durch das oben genannte Wechselbad der Gefühle geführt wird, das heißt immer wieder mit den eigenen Schwächen konfrontiert wird, und drittens, weil es tatsächlich zur Spende gebeten wird.

Das Schulprojekt in Bissau gibt es wirklich. Informationen findet man unter www.eineschulefuerbissau.de. Nach der Vorstellung kann man sein Gewissen und seine Geldbörse erleichtern.

Und die Schauspieler? Die übliche Frage nach der Vorstellung: "Und? Wen fandest du am besten?" lässt sich nicht beantworten. Zu unterschiedlich sind die Rollen. Aber eines ist gewiss: Alle fünf Darsteller sind ganz stark und absolut überzeugend. Hingehen!

Die nächsten Vorstellungen von "Benefiz - Jeder rettet einen Afrikaner" gibt es am Sonntag, 16. November, und am Sonntag, 23. November, jeweils 18 Uhr, Kleines Haus.