"Ich ging auf die Straße" heißt ein Projekt des Hallenser Theatervereins "Wolter und Kollegen!", das am Dienstagabend zu verschiedenen Stationen der friedlichen Revolution in Stendal führte. Der Spaziergang wurde zu einem Weg der Erinnerung und der Begegnung.

Stendal l Kerzen am Eingang zum Dom, davon ausgehend gelbe Strahlen auf dem Boden - mit diesem symbolträchtigen Bild wurden die rund 40 Männer und Frauen empfangen, die die Einladung zum Erinnerungsspaziergang angenommen hatten. Eine überschaubare Gruppe, die dann im Dom Platz nahm. "So anders sind die Zeiten. Vor 25 Jahren war der Dom zu klein", erinnerte Tom Wolter an den Herbst 1989.

Mit seinem Theaterverein "Wolter und Kollegen!" hat der Hallenser den Abend vorbereitet, hat über Wochen in Stendal recherchiert, hat mit Akteuren von damals gesprochen. Gemacht haben die Künstler dies im Auftrag und in Zusammenarbeit mit der Landeszentrale für politische Bildung und in Kooperation mit der Landesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen, Birgit Neumann-Becker. Für vier Städte - Quedlinburg, Weißenfels, Bernburg und eben Stendal - erarbeiteten sie ein künstlerisches Projekt.

"Ein Auftrag, der uns anfangs sehr trocken vorkam", bekannte Tom Wolter. Jetzt aber sei er froh, dass Stendal einer der vier Orte ist, "die wir so intensiv kennengelernt haben". Er lud die Teilnehmer ein zu einem Weg, "der etwas wachrufen" soll, zu einem Abend, den er als "Hinführung zur Veranstaltung am 8. November" versteht. An diesem Tag gedenkt die Hansestadt Stendal des Mauerfalls vor 25 Jahren und ehrt Erika Drees und Hans-Peter Schmidt als die Stendaler, deren Namen besonders eng mit dem Wendeherbst 1989 verbunden sind.

"Großer Dank gilt den mutigen Menschen, die die Ersten waren und nicht wussten, wie es ausgeht", sagte Oberbürgermeister Klaus Schmotz (CDU) und schlug den Bogen von damals in die Gegenwart: "Es gilt bis heute, dass man diese Freiheit nie wieder aus der Hand geben darf." Wie sich vor einem Vierteljahrhundert - ganz konkret in Stendal - Menschen für diese Freiheit starkgemacht haben, daran erinnerten Tom Wolter und seine Kollegen an mehreren Punkten in der Innenstadt.

Vom Dom ging es über die Weberstraße zur Petrikirchstraße, wo die Teilnehmer Kerzen anzündeten. Elsa Weise, Lukas Possin und Jonas Schütte lasen Texte vor, zitierten aus Erinnerungen von Stendalern, an das erste Friedensgebet in der Petrikirche und den dort gesprochenen Text, an die privaten Treffen. Die Chronologie der vorgetragenen Erinnerungen reichte von den ersten Zusammenkünften derer, die in ihrem Land und in ihrer Stadt etwas verändern wollten, bis zur Stürmung der MfS-Zentrale im Dezember 1989.

Mit den Kerzen in der Hand zogen die Männer und Frauen weiter zum Marktplatz, auf dem ganz verlassen ein großer Rucksack stand, darin ein Lautsprecher. Der erzählte in Hörspielform, wie die Stendaler Wendeaktiven sich aus dem Westen, aus Helmstedt, einen Kopierer besorgt hatten, um den Gründungsaufruf des Neuen Forums vom 10. November 1989 vervielfältigen zu können. Der Aufruf wurde dann in der Hallstraße verlesen, bevor es weiterging zum Katzenstieg, der Hallstraße und Schadewachten verbindet. Während die Gruppe diese schmale Gasse passierte, machten die drei Darsteller sie zum Zeitstrahl, zum Weg vom Jahr 1989 ins Jahr 2014 - sie riefen die Jahreszahlen. Im Heute angekommen, klang die Veranstaltung "Ich ging auf die Straße" aus, wie sie knapp zwei Stunden zuvor im Dom begonnen hatte: mit Musik von Thomas Wittenbecher (Akkordeon) und Patrick Zürner (Gitarre).

Das Gestern ins Heute holen, Orte der friedlichen Revolution wiederentdecken und aufleben lassen - das war das Anliegen von "Wolter und Kollegen!" Und es ist ihnen mit dem Spaziergang gelungen - auf eindrückliche Weise. Ein Vortrag allein hätte diese Wirkung vermutlich nicht erzielt.

 

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