Stendal l "Unser Verdacht auf die Urheber der möglichen Wahlmanipulationen wird durch die Richtung, in der die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft gehen, bestätigt", erklärte Linke-Fraktionsvorsitzender Joachim Röxe. "Ich bezweifele allerdings die alleinige Verantwortlichkeit von Herrn Gebhardt", hat Röxe noch erheblichen Aufklärungsbedarf. "Das bisher Bekanntgewordene rechtfertigt unsere Forderung nach Überprüfung der Vorgänge durch einen Ausschuss, der auch die Wiederholung der Briefwahl im Fokus haben muss", betonte der Linke.

Sein Kollege der Mitte-Fraktion, Reiner Instenberg, hofft, "dass dies der erste Schritt für eine ehrliche und schonungslose Aufklärung ist. Diese Aufklärung erwarte ich insbesondere auch von möglichen Mitwissern und Profiteuren." Dann hätte Stendal "wieder eine Chance nach vorne zu schauen".

Instenberg sieht Gebhardt nicht als Einzeltäter

Der Sozialdemokrat zweifelt aber, "dass Herr Gebhardt Einzeltäter" gewesen sei: "Die Fäden der Wahlfälschung liefen im CDU-Kreisbüro zusammen. Herr Kühnel und Herr Güssau sollten den Weg für einen Neuanfang freimachen", fordert er.

Der SPD-Jugendverband Jungsozialisten (Jusos) fordert sogar den Rücktritt beider CDU-Spitzenvertreter.

Hardy Peter Güssau selbst geht auf Distanz zu seinem bisherigen Mitstreiter: "Holger Gebhardt hatte der Fraktion und der Presse kurz nach der Wahl die Gründe für das hohe Briefwahlergebnis erklärt (siehe Artikel unten). Im Lichte der Ergebnisse der staatsanwaltschaftlichen Untersuchungen wird künftig über den Wahrheitsgehalt seiner Erklärung zu entscheiden sein."

Für Mathias Fangohr, Sprecher des Grünen-Kreisverbandes, lautet die Frage: "Was liegt noch alles im Dunkeln?" Er weist darauf hin, dass die "auch jetzt bei der Brief-Neuwahl erschlichenen Stimmen für Gebhardt" auch nach dessen Rücktritt als Stadtrat bei der CDU verbleiben.

"Wenn die CDU einen Funken Selbstachtung hat, sollte sie sich für eine komplette Neuwahl einsetzen", meint Fangohr. Seine Partei bildet mit den Christdemokraten und den Vertretern der Landgemeinden eine Fraktion im Stadtrat.

Für den FDP-Kreisvorsitzenden Marcus Faber ist es "unverständlich, warum jemand solche kriminelle Energie aufbringen sollte, um letztlich ehrenamtlich im Stadtrat unserer beschaulichen Hansestadt zu sitzen". Sollten sich die Anschuldigungen bestätigen, ist dies für ihn "eine Kombination aus Verachtung der Demokratie und strafbaren Handlungen, die ich hier bei uns nicht für möglich gehalten hätte".

Minister Webel gibt Stendalern Anweisungen

René Schernikau, Vize-Landesvorsitzende der Piraten, findet es "schade, dass die CDU Stendal die Bemühungen zur Aufklärung nicht aktiv unterstützt hat. Dann wäre dies vielleicht viel früher herausgekommen, und die Politik würde nicht wieder im schlechtmöglichsten Licht dastehen."

Unterdessen hat CDU-Landeschef Thomas Webel zugesichert, dass seine Partei "selbstverständlich in vollem Umfang mit der Staatsanwaltschaft kooperieren" werde. Er habe seinen Stendaler Parteifreunden "entsprechende Anweisungen erteilt". Webel: "Über gegebenenfalls notwendige weitere Konsequenzen wird dann im Licht der Ergebnisse der staatsanwaltschaftlichen Untersuchungen zu entscheiden sein."

Der Stendaler SPD-Landtagsabgeordnete Tilman Tögel meint hingegen "die hiesige CDU sollte sich vielleicht in ,Camorra von der Uchte` umbenennen.